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Zu Besuch bei Sabrina Janesch : Hinter den Fassaden von Danzig

Mit Sabrina Janisch hat Danzig wieder eine deutsche literarische Stimme - und zwar eine, die mit der Stadt lebt Bild: Andreas Platthaus

Nach Günter Grass hat sich kein deutschsprachiger Schriftsteller mehr an Danzig herangetraut. In ihrem neuen Roman „Ambra“ geht die junge deutsch-polnische Autorin Sabrina Janesch das Wagnis ein.

          Das ist nicht Danzig. Nein, noch einmal neu: Das ist nicht Danzig, wie man es kennt. Aus den Reiseführern, Touristenberichten, aus Filmen, Fotos und natürlich aus der „Blechtrommel“, dem Roman von Günter Grass, der 1959 ein für alle Mal festgeschrieben hat, was wir als Deutsche über Danzig wissen: über die Stadt vor und im Krieg, über das Neben- und Gegeneinander von Deutschen, Polen und Kaschuben, über das Danzig des Langen Markts und der Marienkirche, des Krans am Hafen und der 1939 blutig umkämpften Polnischen Post. Und neben diesen Ikonen des Erinnerns auch über den Stadtteil Langfuhr, wo die Matzeraths wohnen. Aber mit dem Ende des Kriegs verlagert sich die Handlung der „Blechtrommel“ nach Westdeutschland. Das Danzig der Nachkriegszeit blieb ungeschildert, und weil nach der Zerstörung vom März 1945, als nach kurzer Belagerung durch die Rote Armee mehr als neunzig Prozent der Innenstadt niederbrannten, fast alles in historischer Gestalt wieder aufgebaut wurde, scheint das, was man als Besucher in Danzig findet, nur wieder, wovon Grass erzählt hat. Aber das ist nicht mehr Danzig.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die Rechtstadt, wie die von Deutschen nach Lübischem Stadtrecht - daher der Name - im dreizehnten Jahrhundert gegründete historische Innenstadt heißt, wird an zwei Seiten von den Flüssen Mottlau und Weichsel umflossen, an den anderen beiden schneidet eine Schnellstraße das pittoreske Zentrum von den Vorstädten ab. Wir stehen im Süden, blicken hoch auf die dichtbefahrenen sechs Spuren und fragen uns, was dahinter denn noch kommen soll. „Das ist die Zäsur“, sagt Sabrina Janesch, „wenn man sie überschreitet, ist man in einer anderen Zeit.“

          Allgegenwärtiger Bernstein

          Sabrina Janesch weiß, wovon sie spricht. Sie hat diesen Zeitenwechsel erlebt, als sie im September 2009 für ein halbes Jahr hierherkam, als Stipendiatin des Deutschen Kulturforums Östliches Europa und der Stadt Danzig. Es wird der 1985 geborenen Schriftstellerin genutzt haben, dass sie als Kind einer polnischen Mutter und eines deutschen Vaters beide Sprachen beherrschte und kurz vor der Publikation ihres Romandebüts „Katzenberge“ stand, der eine deutsch-polnische Familiengeschichte in Schlesien und Galizien erzählt. Nun hatte sie für das Stipendium das Exposé eines zweiten Romans eingereicht, wieder eine deutsch-polnische Familiengeschichte, doch diesmal angesiedelt in Danzig. Das passte, sie wurde ausgewählt. Und das war mutig, denn nach der „Blechtrommel“ hatte sich kein deutscher Schriftsteller außer Grass selbst mehr an diese Stadt gewagt. Aus Sabrina Janeschs Romanidee ist „Ambra“ geworden, ihr zweites Buch, das am kommenden Samstag im Aufbau Verlag erscheint. Aber bis es fertig wurde, hatte sich der ursprüngliche Plan stark verändert, und das Bild von Danzig in Sabrina Janesch auch.

          „Ambra“ ist ein altes Wort für Bernstein, als man noch glaubte, dieses transparente goldgelbe Material mit seinen faszinierenden Einschlüssen, das hier so häufig am Meeresufer gefunden wurde, bilde sich in Fischleibern. Heute weiß man, dass es sich um ein Harz handelt, das von Bäumen abgesondert wurde, die an der Ostseeküste besonders stark vertreten waren. Der alte Name aber blieb in mehreren Sprachen erhalten, und heute, wo die Danziger Fremdenverkehrswirtschaft den Bernstein für sich entdeckt hat, ist er in der Stadt allgegenwärtig. Und nenne man es ruhig Klischee, aber heute im frühen Augustsonnenlicht glühen die Bachsteinbauten in Danzig tatsächlich, als seien sie selbst in Bernstein eingeschlossen.

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