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Zorro : Reiten für Suhrkamp

Wer war Zorro? Isabel Allende gibt Antworten Bild: AP

Ein grandioses Mißverständnis oder elaborierter Pop? Die Bestsellerautorin Isabel Allende mischt mit ihrem Roman über Zorro den Frankfurter Verlag auf - und erzählt, was der Mann mit der Maske wirklich will.

          Neulich ist Post von Zorro gekommen. Es war ein Brief, mit der Hand geschrieben, etwas schnörkelig die Schrift, aber insgesamt ganz gut zu lesen.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Damas y Caballeros“, so fing er an, der Mann aus Alta California, schrieb dann aber weiter in einem Deutsch, das fehlerfrei und nur ein bißchen gestelzt klang: „Wie viele Abenteuer muß man bestehen, um sich einer großen Erzählerin würdig zu erweisen“, fragte Zorro gleich im ersten Satz, und bevor man lang darüber nachdenken konnte, ob die korrekte Antwort nicht „null“ heißen müßte, weil ja große Erzählerinnen von Dorothy Parker bis Judith Hermann immer ganz gut ohne Fechtduelle, Reiterkunststücke und schwarze Masken ausgekommen sind, bevor einem also die Sinnlosigkeit dieser Frage so recht bewußt wurde, gab Zorro schon die Antwort: Er jedenfalls habe genug Abenteuer erlebt, und deswegen habe jetzt eine gewisse Dona Isabel ein Buch über ihn geschrieben, welches endlich das Geheimnis enthülle, wie Zorro wurde, was er ist. Es habe Schwung, dieses Buch, schrieb Zorro weiter, und es werde ihm großer Erfolg beschieden sein. Der Brief hörte auf, wie er angefangen hatte - auf spanisch grüßte uns Zorro ganz herzlich; unterschrieben hat er mit einem riesigen Z.

          Was wollte der Brief sagen?

          Dieser Brief, so sah es aus, mußte lange unterwegs gewesen sein; denn nach übereinstimmender Ansicht aller maßgeblichen Zorroforscher ist dieser Mann, erstens, die reine Erfindung; und er ist, zweitens, in dieser Eigenschaft vor etwa hundertfünfzig Jahren gestorben, im Kampf, wie es sich für Zorro gehört.

          Blickt hinter Zorros Maske: Isabel Allende

          Wo also kam dieser Brief her, und was wollte er seinen Lesern sagen? Das Rätsel löste sich auf bei Durchsicht der restlichen Post - der Brief war Teil eines größeren Pakets, welches der Suhrkamp-Verlag anscheinend an Buchhändler und Journalisten verschickt. Darin findet sich, außer Zorros netten Zeilen, auch eine Broschüre, deren Titelseite das große Z zeigt; ein paar Seiten weiter ist ein Bild der Schriftstellerin Isabel Allende abgedruckt, und ganz am Schluß zeigt ein Foto große Stapel von „Zorro“, dem Roman; und daneben listet Suhrkamp weitere sogenannte Werbemittel auf. Als Buchhändler kann man sich eine lebensgroße Zorro-Pappfigur fürs Schaufenster bestellen; wer nicht soviel Platz hat, bekommt Aufkleber mit einem roten Z oder Lesezeichen in der Form des Mannes mit der Maske. Der Brief war offensichtlich eine Fälschung; ein Pseudo-Zorro aus dem Suhrkamp-Verlag hat ihn geschrieben.

          Zorro in der Suhrkamp-Kultur

          Was macht aber Zorro in der Suhrkamp-Kultur, und wie ist er da hineingeraten? Theodor W. Adorno, um dieser Kultur mal kurz an den Kopf zu fassen, taucht ja auch nicht in einem amerikanischen Superheldenfilm auf, nennt sich nicht „The Teddy“ und stellt auch nicht Spiderman vor die unlösbare Frage, ob es ein richtiges Leben im falschen geben könne. Und Peter Handke, als er „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina“ unternahm und „Gerechtigkeit für Serbien“ forderte, war nicht mit Maske, Degen und Pferd unterwegs (obwohl die Vorstellung reizvoll wäre). Zorro als Bewohner der Suhrkamp-Kultur, das ist nur als grandioses Mißverständnis denkbar - oder als elaborierter Pop, so ironisch wie die Prosa von Thomas Meinecke, so reflektiert wie die Texte von Rainald Goetz.

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