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Zigarre rauchender Dichter mit Ferrari : Hermann Burgers Größe und Verdammnis

Hermann Burger (10. Juli 1942 bis 28. Februar 1989) Bild: Yvonne Böhler

Vor 25 Jahren nahm sich der damals hochberühmte Schweizer Dichter Hermann Burger das Leben. Später wurde sein Werk nahezu vergessen. Jetzt ist es in einer fabelhaften Gesamtausgabe wieder zu entdecken. Das lohnt sich.

          4 Min.

          Hermann Burger war ein Held. Ein Schreibheld, ein Lebensheld, ein Todesheros. Sein Heldentum war komisch, grotesk, absurd, heiter, ungemein tapfer, tieftraurig, trostlos, tragisch. Von Kindheit an ist er ein lediglich Halbgesunder. Mit Anfang zwanzig hat er einen ersten seelischen und körperlichen Zusammenbruch. Die Krankheit, der er vor fünfundzwanzig Jahren, am 28. Februar 1989, mit der Überdosis eines Schlafmittels selbst ein Ende setzte, war eine vielfach therapierte, aber unüberwindbar resistente bipolare Störung, bei der sich depressive mit manischen Phasen abwechselten.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Der Krankheit hat er lange Zeit eine bürgerliche Existenz samt Heirat, Ehe und Familiengründung, samt Studium, Doktorarbeit und Habilitation abgerungen, er ist akademischen und journalistischen Brotberufen nachgegangen - und er hat von 1964 an ein literarisches und essayistisches Werk entstehen und wachsen lassen, dessen Umfang von großer Produktivität zeugt und dessen Qualität ihn zu einem der markantesten deutschsprachigen Autoren der siebziger und achtziger Jahre macht.

          Suggestiv und exzentrisch

          Im Kern besteht dieses Werk aus zwei Gedichtbänden, drei Sammlungen mit Geschichten und drei Romanen, um den Kern herum ziehen einige Erzählsolitäre und Reportagen, literarkritische Arbeiten und poetologische Versuche ihre jeweilige Bahn. Gleichwohl war Burgers Œuvre - und mit ihm der Autor selbst - spätestens seit dem Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts eher randständig, wenn nicht vergessen. Unter den jüngeren Autoren gibt es keinen, der sich auf ihn beriefe, ihn gar zum Vorbild ernannt hätte.

          Hermann Burger: „Werke in acht Bänden“, Hrsg. von Simon Zumsteg, Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2014. Zus.3184 S., geb., 149,- Euro

          Zu Lebzeiten ob der hochartifiziellen, dabei höchst suggestiven Prosa und der Exzentrizität seiner Auftritte berühmt - er war der erste und ist hierzulande wohl immer noch der einzige Dichter, der erst einen Alfa Romeo und dann einen Ferrari fuhr -, blieben ihm und seinen Büchern ein repräsentativer Rang und damit die Dauerpräsenz in den Buchhandlungen versagt.

          Persönliche Einblicke in Burgers Werkstatt

          Ob die gerade erschienene Werkausgabe in acht Bänden daran etwas ändern, ob sie zumal jüngere Leser für diesen Schriftsteller erstmals erwärmen, gar begeistern kann, ist keineswegs sicher, aber immerhin nicht unmöglich. Verdient hätte er es. An der neuen Leseausgabe jedenfalls wird es nicht scheitern: Sie ist handwerklich wie editorisch tadellos und so sorgfältig wie hingebungsvoll gestaltet, dass es eine wahre Freude ist.

          Zusammengestellt, herausgegeben und knapp, aber völlig hinreichend kommentiert hat sie der Berner Germanist Simon Zumsteg. Zusätzlich reizvoll ist, dass er für jeden Band ein Nachwort einwerben konnte, das entweder lakonisch gelehrt ist (Harald Hartung über die Gedichte, Beatrice von Matt über die frühe Prosa) oder aufgrund sehr persönlicher Verbundenheit ganz erstaunliche und bisher unbekannte Einblicke in Burgers Werkstatt ermöglicht.

          Was Dieter Bachmann etwa über den Roman „Die Künstliche Mutter“, Ruth Schweikert über die späte Prosa eines Noch-nicht-Fünfzigjährigen und der Zigarrenfabrikant Kaspar Villiger über den einst ihm gewidmeten Zigarren-Roman „Brunsleben“ schreiben, ersetzt eine (absehbar nicht zu erwartende) Biographie zwar nicht, ehrt diesen Autor aber postum durch bewegende, auch anekdotische Erinnerung.

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