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Zeitgeschichte : Die Dichter und der Krieg

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„Verherrlichung” ist Pflicht: Thomas Mann Bild: dpa

Am 28. Juni vor neunzig Jahren wurde Österreichs Thronfolger erschossen, Europa trieb auf den Ersten Weltkrieg zu. Die Kriegsbegeisterung vernebelte auch die Köpfe der Dichter und Denker - auf beiden Seiten. Ein Frontbericht.

          7 Min.

          Als im August 1914 das alte Europa versank, als junge Deutsche gegen ihre Nachbarn in den Krieg zogen, beriefen sie sich auf Gott und Kaiser und Vaterland, und ihre Reime auf das Schlachten - „jeder Stoß ein Franzos, jeder Schuß ein Ruß“ - waren hausgemacht. In den Schulen hatte man ihnen die Sekundärtugenden eingebleut, Disziplin, Gehorsam, Pflicht. In den Kasernen hatten sie das Töten gelernt. Ihren Einsatz im Krieg empfanden sie als Geschenk des Schicksals, als einmalige Chance, zu Männern zu reifen.

          Der Kriegsfreiwillige Ernst Jünger hat den Geist der Zeit „In Stahlgewittern“ beschrieben: „Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren zu einem großen, begeisterten Körper zusammengeschmolzen. Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr. Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein Rausch. Der Krieg mußte es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche. Es schien uns männliche Tat, ein fröhliches Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen. Kein schönrer Tod auf dieser Welt.“

          „Wir kämpfen diesen Kampf zu Ende

          93 Literaten, Künstler, Wissenschaftler - darunter Max Planck, Max Reinhardt, Wilhelm Röntgen, Gerhart Hauptmann - unterschrieben ein Manifest, das unter dem Titel „Aufruf an die Kulturwelt“ am 14. August 1914 veröffentlicht wurde: „Glaubt uns! Glaubt, daß wir diesen Kampf zu Ende kämpfen werden als ein Kulturvolk, dem das Vermächtnis eines Goethe, eines Beethoven, eines Kant ebenso heilig ist wie sein Herd und seine Scholle. Dafür stehen wir ein mit unseren Namen und unserer Ehre.“

          Vom Krieg gepackt „wie ein Rausch”: Ernst Jünger

          Solche Texte entstehen, wenn der Geist, statt frei zu bleiben, sich im Schützengraben duckt: Die Perspektiven reichen nicht besonders weit, die Gedanken sterben grausam, die Sprache kommt nur mit schweren Verletzungen davon. Außer den militärischen Fronten gab es in diesem Krieg auch eine, welche die Geister schied. Auf der einen Seite standen die, die sich für den Krieg begeisterten. Auf der anderen stand, zum Beispiel, Albert Einstein, der seine Unterschrift unter ein „Manifest an die Europäer“ setzte: „Ist es nicht besser, für eine Sache zu sterben, an die man glaubt, wie an den Frieden, als für eine Sache zu leiden, an die man nicht glaubt, wie an den Krieg?“

          Dichtende Dilettanten

          Dichtende Dilettanten fühlten sich berufen, ihren Haß in Reime zu fassen. Nie zuvor war Gestammel so erfolgreich, niemals hatte, was sich reimte, so wenig mit Poesie zu tun. Das Bildungsbürgertum war vom Größenwahn im Kaiserreich ergriffen - aber wer Gedichte liest, kann deshalb noch lang keine schreiben, wie ein damals hochpopulärer „Haßgesang auf England“ beweist, verfaßt von einem Helden der Lyrik namens Ernst Lissauer:

          Wir wollen nicht lassen von unserem Haß,
          Wir haben alle nur einen Haß,
          Wir lieben vereint, wir hassen vereint,
          Wir haben alle nur einen Feind: England!



          Die daraufhin im englischen „Daily Graphic“ veröffentlichte Gegenrede hielt das Niveau: „Down with the Germans, / down with them all ... / cut out their tongues, pull out their eyes / down, down with them all.“

          Sogar Thomas Mann schien anfangs vom Virus befallen zu sein. Er klang, in einem Brief an den gleichfalls infizierten Lyriker Richard Dehmel, fast wie einer jener Wortsoldaten, die mit ihren Versen die Zeitungen überfielen - täglich bis zu 50.000 Einsendungen gab es in den ersten Monaten. Mann forderte, daß „Ausdeutung, Verherrlichung, Vertiefung der Geschehnisse“ im Krieg die Pflichten des Schriftstellers seien.

          Fürchterliche Ausdrucksweise

          Gerhart Hauptmann, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Franz Blei, Arnold Zweig, sie alle glaubten tatsächlich, das Erbe von Goethe und Kant verpflichte sie zur geistig-moralischen Aufrüstung Deutschlands (und Österreichs), und entsprechend fürchterlich drückten sie sich aus. Die Jüngeren zogen gleich freiwillig an die Front, Oskar Kokoschka und Franz Marc, Otto Dix und Max Beckmann, Alfred Kerr, Klabund und Hermann Hesse. Ernst Stadler und Georg Trakl überlebten das erste Kriegsjahr nicht, Franz Marc fiel 1916 in Verdun. Gefallen fürs Vaterland, sechs Wochen nach Kriegsbeginn auch der Expressionist Alfred Lichtenstein, der eben noch aus dem Schützengraben Gott angefleht hatte:

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