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Zaimoglu gegen Özdamar : In Leylas Küche

Zaimoglu hat eine neue These Bild: dpa

Der Literaturstreit zwischen Feridun Zaimoglu und Emine Sevgi Özdamar über ähnliche Passagen in ihren Romanen geht in eine neue Runde. Zaimoglu glaubt nun über neue Fakten zu verfügen.

          Akribisch malt Feridun Zaimoglu den Stammbaum seiner Familie auf ein Blatt Papier. Für jede Person, die hier aufgeführt wird, notiert er in Klammern einen zweiten Namen. Güzin ist auch Yasmin, Remzi ist auch Djengis, und Güler ist auch Leyla. Jede dieser Personen führt zwei Leben: eines in der Realität, das andere im Roman. Wenn nun die Biographie einer Figur im Roman in Zweifel gezogen wird, welche Folgen hat das für die reale Person, für ihr wirkliches Leben?

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Fragen wie diese stellen sich, seitdem der Verdacht laut wurde, Feridun Zaimoglu habe für seinen im Frühjahr erschienenen Roman „Leyla“ bei seiner Kollegin Emine Sevgi Özdamar abgekupfert (Streit um den Roman „Leyla“: Özdamar gegen Zaimoglu). Hinter vorgehaltener Hand soll das Gerücht bereits seit Wochen im Literaturbetrieb kolportiert worden sein. Seit zehn Tagen beschäftigt der Fall auch die Feuilletons: Es ist ein seltsamer heißer Brei, der hier auf dem Tisch steht, und viele spitze Finger rühren mit Wonne darin herum.

          Das einzig wahre Migrantinnenepos

          Ein kalligraphisches Kunstwerk ist es nicht geworden, Zaimoglus Stammbaum seiner Familie, aber es ist das kuriose Dokument eines kuriosen Literaturstreits, der innerhalb der deutsch-türkischen Literaturszene um das Urheberrecht am einzig wahren Migrantinnenepos geführt wird. Bemerkenswerterweise findet die Auseinandersetzung erst jetzt statt, zu einem Zeitpunkt also, da die Literatur von Emine Sevgi Özdamar, Feridun Zaimoglu und anderen deutsch-türkischen Autoren nach langen Jahre der Dürre endlich den Sprung aus der Wüste der sogenannten Migrantenliteratur ins Gelobte Land des Mainstreams geschafft hat. Aber wem gebührt nun der Lorbeer für dieses Verdienst, der Pionierin oder dem Nachgeborenen? Gebührt er Emine, der Eroberin, oder Feridun, dem Vollender?

          Das dürfte wohl die Kernfrage sein, die hinter dem Plagiatsvorwurf steckt, der aus juristischen Gründen unausgesprochen bleibt. Aber das böse Wort steht im Raum. „Einen infameren Vorwurf“, so Zaimoglu, „kann man einem Schriftsteller nicht machen. Plagiat - das ist das Schlimmste.“

          Der Verleger kann nicht schlichten

          Daß ein Plagiat im juristischen Sinn nicht gegeben sei, besagt ein Gutachten, das Kiepenheuer & Witsch in Auftrag gegeben hat, pikanterweise der Verlag von Zaimoglu ebenso wie von Frau Özdamar. Verleger Helge Malchow kann den Streit im eigenen Haus nicht schlichten. Aber ihm bleibt ein Trost: Wie offensichtlich können denn eigentlich die Gemeinsamkeiten zwischen zwei Büchern sein, wenn selbst der frühere Lektor Frau Özdamars sie nicht wahrgenommen hat?

          Man muß also schon genau hinschauen, und Feridun Zaimoglu will das nun getan haben. Sechzig bis siebzig Prozent des vermeintlichen Belastungsmaterials, so sagt er im Gespräch, halte er für „wertlosen Krempel“. Andere Ähnlichkeiten erklärten sich dadurch, daß beide Bücher zur selben Zeit in einer anatolischen Kleinstadt, spielen und aus einem gemeinsamen kulturellen Fundus schöpfen. Aber es bleibe ein Rest, „der jeden Leser, der beide Bücher kennt, stutzig machen muß“.

          Was ist die Quelle?

          Zaimoglu nennt Beispiele wie die armenische Großmutter, das als verrückt geltende, sich Männern darbietende Nachbarsmädchen oder die im Finger der Schwester abbrechende Nähnadel, Motive, die sich in beiden Romanen finden. Tatsächlich, es gibt gravierende Ähnlichkeiten zwischen „Leyla“ und Özdamars 1992 erschienenem Roman „Das Leben ist eine Karawanserei hat zwei Türen aus einer kam ich rein aus der anderen ging ich raus“. Auf irgendeine Weise müssen diese beiden Bücher miteinander in Verbindung stehen, auf irgendeine Weise scheinen sie aus derselben Quelle geschöpft zu haben. Aber was ist diese Quelle?

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