https://www.faz.net/-gqz-7tyhm

Yvonne Hofstetter: „Sie wissen alles“ : Wir und unsere virtuellen Zombies

  • -Aktualisiert am

Haben Roboter bald Rechte wie Menschen? Der Laufroboter „Cheetah“ vom MIT hat den Geparden zum Vorbild - und den Gegner im Auge. Bild: Picture-Alliance

Der Fehler liegt nicht im System, sondern im Menschen: Buchautorin Yvonne Hofstetter weiß, mit welchen rechnerischen Methoden Big Data die Solidargemeinschaft aushöhlt.

          4 Min.

          Das Problem mit Big Data, dem Geschäft und der Politik mit großen Zahlen, beginnt hier: Fast eine Million Menschen haben legalen Zugriff auf die Wissensbestände des amerikanischen Geheimdienstes NSA. Jeder amerikanische Polizist kann über Kontaktbeamte auf die Informationen zugreifen. Dennoch wurde über die Spähprogramme lange nur gemunkelt. Der Whistleblower Edward Snowden vermochte daran viel, aber nicht alles zu ändern. Er verriet, außer Namen von Programmen und Projekten, wenig. Der Bundesjustizminister konnte jüngst freimütig behaupten, dass man nicht politisch handeln könne, weil Snowden nichts bewiesen habe. Es blieb also bei Vermutungen darüber, was die NSA wisse, wie wahr ihre Informationen seien und wie mächtig sie durch sie wurde.

          Yvonne Hofstetter, Big-Data-Unternehmerin und Juristin, hat diese Diskussion verfolgt. Ihr soeben erschienenes Buch „Sie wissen alles“ beginnt sie mit rabiaten Thesen - allerdings nur, um den Leser auf Touren zu bringen. Wir alle seien „gläsern, erpressbar und manipulierbar“ geworden. Im „Informationskapitalismus“ begegne eine neue Elite, die mit Daten-Macht und -Reichtum die Kontrolle übernehme, einer gefährlichen bürgerlichen Gleichgültigkeit. Es gehe um „Informations-, Gefühls- und Verhaltenskontrolle“, der wir und unser Gemeinwesen zum Opfer fielen. Die Ehe von Demokratie und Marktwirtschaft werde aufgelöst, die Diktatur übernehme.

          Nach der Aufregung wird es technisch

          Diese werde nicht mehr staatlich sein, sondern „imperiale Organisationen“ würden individuelle Schicksale bestimmen. Beispielhaft dafür sei Googles „unstillbarer Hunger nach Schlüsseltechnologien“, das Unternehmen entwickele bahnbrechende Daten-Technologien, nun folgten Roboter, Drohnen und die künstliche Intelligenz, die beides miteinander verknüpfe. Es ist eine Revolution per Mathematik, ihre „Triebfeder ist die Finanzialisierung“ von allem.

          Die Menschen hatten „für einige Jahre das Internet zum Mailen, Bloggen oder Onlineshopping gekapert“, jetzt übernähmen es wieder die Maschinen. Im Internet der Dinge arbeiteten „verteilte Software-Agenten“ in einer selbstorganisierten „Parallelwelt, die kein Programmierer je programmiert oder getestet hat“. Nur vordergründig arbeiteten sie für uns. Jeder kleinen Annehmlichkeit stehe eine gewaltige Ausbeutung gegenüber. Schon vor fünf Jahren habe EU-Kommissarin Meglena Kuneva von personenbezogenen Informationen als Öl und Währung einer neuen Industrie gesprochen. Ihr Zeitalter sei nun angebrochen.

          Wenige Seiten später allerdings bittet die Autorin ihre Leser weiterzulesen, auch wenn es langweilig sei. Einmal erkundigt sie sich sogar, ob man schon habe gähnen müssen. Die Aufregung der ersten Seiten ist in der Tat verflogen. Die Autorin ist mit ihrem Leser in den Maschinenraum der Informationsökonomie hinabgestiegen. Langweilig wird es dort aber nicht, auch weil sich Hofstetter dafür entschieden hat, manches in literarischer Form zu erzählen.

          Autonome Systeme auf dem Vormarsch

          So begleitet sie Florian Mayhoff, einen jungen Datenwissenschaftler, der einen Arbeitsauftrag erhielt und die Revolution auslöste. Während des ersten Golfkriegs nahmen Amerikas Streitkräfte erstmals einen gesamten Luftraum unter Beobachtung und erstellten Lagebilder in Echtzeit. Das neue Modell-Wissen von der Welt führte jedoch in eine Katastrophe. Im Juli 1988 schoss das amerikanische Kriegsschiff „USS Vincennes“ ein Passagierflugzeug ab. Der Fehler wurde im System gesucht, aber beim Menschen gefunden.

          „Sie wissen alles“ von Yvonne Hofstetter

          Die Soldaten verstanden ihre neuen Computer als Werkzeug, in dessen Regelkreisläufe und Steuerungsmechanismen sie mit ihren Strategien und Intentionen eingegriffen. Sie wurden zur Schwachstelle. Nie wieder sollte eine kritische Entscheidung unter Stress getroffen werden. Die Soldaten wurden degradiert, die Maschinen wurden weiterentwickelt. Sie sollten Informationen nicht länger nur ermitteln, sondern mit ihr arbeiten - entscheiden, überwachen und nachsteuern. In der Luftraumüberwachung gelang das zügig. Yvonne Hofstetter dient sie als historisches Beispiel und als Metapher für die Gesellschaft der Gegenwart.

          Mayhoff baute automatische, später autonome Systeme, die zuerst Luftkriege und dann Börsenspiele gewannen. Heute lassen sie sich überall einsetzen. Es musste nur ein wenig getrickst werden, denn nüchterne Mathematik allein reicht nicht, um den Straßenverkehr, den Arbeitsplatz, den Haushalt, Logistik und Konsum zu steuern. Anders als im Börsengeschehen stört der Mensch mit seinem irrationalen, unvorhersehbaren Verhalten die Abläufe.

          Der Durchschnittsmensch ist am Ende

          Die Maschinen müssen nun nicht nur ständig überwachen und nachsteuern, sie haben es von vornherein mit unbekannten Variablen zu tun. Also greifen die „Zahlenzauberer“ auf in der Mathematik Unerhörtes zurück: Sie vermuten und geben sich auch beim Ergebnis mit Halbwahrheiten zufrieden. Sie schauen auf Millionen von Menschen, legen fest, welche beobachtbaren Abweichungen sie dulden, und begrenzen den Wert der zufälligen Variablen entsprechend beliebig.

          Angebote für Kredite, Anstellungen und Wohnungen werden ebenso limitiert wie Möglichkeiten des Konsums, der Kreditfinanzierung und Krankenversorgung. Um statistische Ausreißer müssten sich Servicekräfte an Bankschaltern, an Telefonen und in Beratungsstellen kümmern. Das ist teuer, schon allein, weil man dafür Menschen beschäftigen müsste. Das neue Gesellschaftsmodell verführt Menschen mit Annehmlichkeiten und Anreizen in berechenbare Verhaltensmuster. Hinter den Bildschirmen, über die alles abgewickelt wird, gilt normativer Zwang und Konformität. Das Subjekt als Träger von Würde, Grundrechten und Freiheiten wird in der Big-Data-Gesellschaft zum Objekt umgeformt. An seine Stelle tritt das neue, errechnete Individuum.

          Das wird neuerdings ständig namentlich angesprochen und mit auf es zugeschnittenen Sonderaktionen umschmeichelt. Das Wohlfühlprogramm individueller Ansprache bedeutet allerdings auch das Ende des „Durchschnittsmenschen“ und insofern das Ende der Solidargemeinschaft. Denn Versicherungen und Kredite werden nun Wetten auf einen selbst. Mit kollektiv verteilten Risiken haben sie kaum noch etwas gemein. Yvonne Hofstetter spricht hierbei nicht, wie beispielsweise der Bundespräsident, vom „digitalen Zwilling“. Denn es gehe tatsächlich um „virtuelle Zombies“.

          Wir wissen nichts

          Sie wurden zum ökonomischen Leben erweckt, aber sie haben mit dem Menschen, den sie digital nachäffen, nichts gemein. Wir kennen sie nicht einmal - das gehört zum Plan. Die Mathematik und mit ihr die Antwort auf die Frage, wer über Schicksale bestimmt, bleibt verborgen. Bislang, so wendet sich Yvonne Hofstetter nun an ihre Kollegen, galt die Physik als „schmutzige“, weil angewandte Wissenschaft. Jetzt gelte die Reinheitsvermutung aber auch für die Mathematiker nicht mehr.

          Die Spiele der Datenprofis am Finanzmarkt seien nicht weniger wirkungsvoll als die Atombombe der Physiker im Krieg. Die Verknüpfungen von Variablen und Gleichungen zu Modellen, die das Schicksal der Gesellschaft zunehmend bestimmten, werde häufig ohne Qualitätskontrolle vorgenommen. Stattdessen werden Informationen windschief aus Daten abgeleitet und in überstürzte Ergebnisse und immer häufiger in irrsinnige Handlungsanweisungen verpackt - nur weil ein kleines Zahlenversprechen erlaubt, nicht mehr mitdenken zu müssen.

          Yvonne Hofstetter endet mit dringenden Empfehlungen an Politiker und Richter. Bliebe es dabei, dass der Einzelne allein die Verantwortung für die Vernunft und Intelligenz gesellschaftlicher Gegenstrategien übernehmen solle, wäre die soziale Marktwirtschaft hoffnungslos verloren. Dabei geht es darum, kollektiv die Zukunft mit den Maschinen verständig zu gestalten. Nur drei von 631 Bundestagsabgeordneten hätten derzeit naturwissenschaftlich-technische Berufe. Die Kernaussage des Buches ist gravierender als sein alarmierender Titel: Wir wissen nichts.

          Weitere Themen

          „Parasite“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Parasite“

          „Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

          Topmeldungen

          Christian Lindner hat bei der Grundrente bewiesen: Die FDP lebt. Hier spricht er bei einer Veranstaltung im Dezember 2017.

          Einigung auf Grundsteuer : Die FDP lebt

          Die FDP hat ihre Vetomacht im Bundesrat klug genutzt. Die neue Grundsteuer ist ungewohnt freiheitlich für Deutschland. Ein großes Manko des Steuer-Monstrums bleibt dennoch.
          Das Brexit-Abkommen sei nur ein erster Schritt, dem die Regelung des Verhältnisses zwischen der EU und dem Nichtmitglied Großbritannien folgen müsse, sagt Brexit-Chefunterhändler Michel Barnier.

          Ringen um den Brexit : Gibt es doch noch einen neuen Deal?

          Noch ist in den Brexit-Verhandlungen alles offen. Doch in Brüssel wird bereits mit Argusaugen verfolgt, wie sich jene Unterhaus-Abgeordneten positionieren, auf deren Unterstützung Johnson für ein Abkommen angewiesen ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.