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Yvonne Hofstetter: „Sie wissen alles“ : Wir und unsere virtuellen Zombies

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Mayhoff baute automatische, später autonome Systeme, die zuerst Luftkriege und dann Börsenspiele gewannen. Heute lassen sie sich überall einsetzen. Es musste nur ein wenig getrickst werden, denn nüchterne Mathematik allein reicht nicht, um den Straßenverkehr, den Arbeitsplatz, den Haushalt, Logistik und Konsum zu steuern. Anders als im Börsengeschehen stört der Mensch mit seinem irrationalen, unvorhersehbaren Verhalten die Abläufe.

Der Durchschnittsmensch ist am Ende

Die Maschinen müssen nun nicht nur ständig überwachen und nachsteuern, sie haben es von vornherein mit unbekannten Variablen zu tun. Also greifen die „Zahlenzauberer“ auf in der Mathematik Unerhörtes zurück: Sie vermuten und geben sich auch beim Ergebnis mit Halbwahrheiten zufrieden. Sie schauen auf Millionen von Menschen, legen fest, welche beobachtbaren Abweichungen sie dulden, und begrenzen den Wert der zufälligen Variablen entsprechend beliebig.

Angebote für Kredite, Anstellungen und Wohnungen werden ebenso limitiert wie Möglichkeiten des Konsums, der Kreditfinanzierung und Krankenversorgung. Um statistische Ausreißer müssten sich Servicekräfte an Bankschaltern, an Telefonen und in Beratungsstellen kümmern. Das ist teuer, schon allein, weil man dafür Menschen beschäftigen müsste. Das neue Gesellschaftsmodell verführt Menschen mit Annehmlichkeiten und Anreizen in berechenbare Verhaltensmuster. Hinter den Bildschirmen, über die alles abgewickelt wird, gilt normativer Zwang und Konformität. Das Subjekt als Träger von Würde, Grundrechten und Freiheiten wird in der Big-Data-Gesellschaft zum Objekt umgeformt. An seine Stelle tritt das neue, errechnete Individuum.

Das wird neuerdings ständig namentlich angesprochen und mit auf es zugeschnittenen Sonderaktionen umschmeichelt. Das Wohlfühlprogramm individueller Ansprache bedeutet allerdings auch das Ende des „Durchschnittsmenschen“ und insofern das Ende der Solidargemeinschaft. Denn Versicherungen und Kredite werden nun Wetten auf einen selbst. Mit kollektiv verteilten Risiken haben sie kaum noch etwas gemein. Yvonne Hofstetter spricht hierbei nicht, wie beispielsweise der Bundespräsident, vom „digitalen Zwilling“. Denn es gehe tatsächlich um „virtuelle Zombies“.

Wir wissen nichts

Sie wurden zum ökonomischen Leben erweckt, aber sie haben mit dem Menschen, den sie digital nachäffen, nichts gemein. Wir kennen sie nicht einmal - das gehört zum Plan. Die Mathematik und mit ihr die Antwort auf die Frage, wer über Schicksale bestimmt, bleibt verborgen. Bislang, so wendet sich Yvonne Hofstetter nun an ihre Kollegen, galt die Physik als „schmutzige“, weil angewandte Wissenschaft. Jetzt gelte die Reinheitsvermutung aber auch für die Mathematiker nicht mehr.

Die Spiele der Datenprofis am Finanzmarkt seien nicht weniger wirkungsvoll als die Atombombe der Physiker im Krieg. Die Verknüpfungen von Variablen und Gleichungen zu Modellen, die das Schicksal der Gesellschaft zunehmend bestimmten, werde häufig ohne Qualitätskontrolle vorgenommen. Stattdessen werden Informationen windschief aus Daten abgeleitet und in überstürzte Ergebnisse und immer häufiger in irrsinnige Handlungsanweisungen verpackt - nur weil ein kleines Zahlenversprechen erlaubt, nicht mehr mitdenken zu müssen.

Yvonne Hofstetter endet mit dringenden Empfehlungen an Politiker und Richter. Bliebe es dabei, dass der Einzelne allein die Verantwortung für die Vernunft und Intelligenz gesellschaftlicher Gegenstrategien übernehmen solle, wäre die soziale Marktwirtschaft hoffnungslos verloren. Dabei geht es darum, kollektiv die Zukunft mit den Maschinen verständig zu gestalten. Nur drei von 631 Bundestagsabgeordneten hätten derzeit naturwissenschaftlich-technische Berufe. Die Kernaussage des Buches ist gravierender als sein alarmierender Titel: Wir wissen nichts.

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