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Yasmina Reza und Sarkozy : Tagebuch einer Jägerin

Auf Tuchfühlung: Yasmina Reza und Nicolas Sarkozy Bild: AFP

Beide stehen ganz oben, sie auf der Liste der bedeutenden Theaterautoren unserer Zeit, er an der Spitze der Macht in Frankreich. Yasmina Reza hat Nicolas Sarkozy während seines Wahlkampfs begleitet. Jetzt liegt ihr Bericht vor: ein einzigartiges Dokument. Von Jürg Altwegg.

          5 Min.

          Ort der Handlung ist ein Hotel in der Provinz. Auf ihren Knien liegt der „Figaro“. Die Schlagzeile ist dem irakischen Präsidenten gewidmet, der gerade eine Wahlschlappe erlitten hat. Ein Thema für Sarkozy? Eine weitere Meldung auf der Titelseite handelt vom bevorstehenden Wahlmeeting, zu dem sie nach Charlesville-Mézières gereist sind. Die Frau an seiner Seite in der Hotelbar ist die Schriftstellerin Yasmina Reza. Nicolas Sarkozy greift sich die Zeitung, die auf ihren Knien liegt: „Toll, diese Rolex“, schwärmt er nach einigen stillen Sekunden ehrfürchtigen Staunens. Ihn hat nur die Anzeige interessiert. Eine Rolex trug er auch - deutlich sichtbar, wie alles an ihm - beim TV-Duell gegen Ségolène Royal.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Während Monaten hat Yasmina Reza, eine der meistgespielten Autorinnen des Gegenwartstheaters, die Kampagne von Nicolas Sarkozy begleitet: die mit einem hochentwickelten Gespür für Inszenierungen ausgestattete Schriftstellerin als scharfe Beobachterin des begabtesten politischen Selbstdarstellers seit Ronald Reagan. Sie war dabei, wenn Journalisten, Leibwächter, Berater und Familie ausgeschlossen blieben. Im Flugzeug, im Auto und im Helikopter, in der Wohnung, im Hotel und im Büro ist sie auf engster Tuchfühlung mit Sarkozy. Von diesen Schauplätzen im Schatten der Kameras berichtet sie in ihrem Buch.

          Sie hatte alle Freiheiten

          Im Juni letzten Jahres hatte sich Yasmina Reza mit dem Kandidaten in Verbindung gesetzt. Der Politiker kennt sie nur dem Namen nach. Giscard, Mitterrand, Chirac hatten sich von Filmteams begleiten lassen. Sarkozy, der unliterarischste Präsident der Fünften Republik, wollte keine Kameras. „Selbst wenn Sie mich verreißen, wird es zu meinem Ruhm geschehen“, erklärt er der weltberühmten Dramatikerin bei ihrem ersten Treffen. Er räumt ihr jegliche Freiheiten ein. Die einzige Bedingung, die Yasmina Reza stellt: Sie will nicht auf den Pressefotos mit Sarkozy erscheinen. Selbst zu den Meetings der Wahlstrategen und Parteiverantwortlichen, wo immer wieder die Fetzen fliegen und Sarkozy gelegentlich rumtobt, darf sie mitgehen.

          Immer dabei, aber immer auf Distanz
          Immer dabei, aber immer auf Distanz : Bild: AFP

          „Was ist ein politisches Schicksal? Diese Frage fasziniert mich seit Jahren“, sagt die Schriftstellerin, „Politik an sich interessiert mich nicht sonderlich. Ich wollte ergründen, wie man an die Macht gelangt, Und warum jemand sie will. Sarkozy eröffnete mir seine Dramaturgie. Ich suchte bei ihm ein Echo auf die Obsessionen meiner eigenen Stücke.“ Ihr Zusammentreffen ist ein faszinierendes Duell auf Augenhöhe, ein Schlagabtausch zwischen zwei Gestaltern ohne Selbstzweifel. Beide stehen ganz oben und wissen es: Sie berauschen sich gegenseitig am Gipfeltreffen von Politik und Literatur.

          Komplizen und Rivalen

          Auf der ersten Seite zitiert Yasmina Reza einen Freund: „Tyrannen und Dichtern ist gemein, dass sie die Welt ihren Wünschen und Vorstellungen unterwerfen.“ Sie werden sehr schnell vertraute Komplizen und bleiben dennoch Rivalen. „Schau, in London bist du fünf Jahre auf dem Spielplan geblieben, in New York zwei - aber hier in der Provinz kennt dich keiner.“ Auf ihrer Bühne feiert Sarkozy seine Triumphe und lässt sich vom Publikum applaudieren. Sie rächt sich mit Bemerkung über die intellektuelle Dürftigkeit einiger seiner Reden, wenn er sich über die Jugend oder die zeitgenössische Kultur auslässt. Nach einem ganz besonders demagogischen Auftritt kontaktiert sie im Begleittross den Korrespondenten der „Libération“, der einen ätzenden Artikel veröffentlicht hat, und zeigt ihm, dass sie mit ihm einverstanden ist.

          In ihren Aufzeichnungen finden sich kaum Werturteile, Kommentare, Kritiken. Sie bestehen aus spitz und knapp formulierten Beobachtungen, aus kleinen Szenen. Doch auch der Informationswert ihres Berichts ist beträchtlich. Denn in diesem Buch steht, was Sarkozy im engsten Kreis sagt und auch vor Journalisten „off“ von sich gibt. Die Schriftstellerin darf es als Einzige sagen. Weil der Literatur ohnehin niemand glaubt? Yasmina Reza betreibt mit ihrer Informationsfreiheit einen äußerst subtilen Umgang. Sie gewinnt das Vertrauen des Lesers, ohne jenes von Sarkozy zu verraten.

          Intelligent, oberflächlich, narzisstisch

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