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Sorokins „Schneesturm“ : Auf Impfmission im russischen Dorf der Zukunft

Märchenhafter Mix: Der Doktor wärmt sich im eisigen Schneetreiben an den Minipferdchen. Bild: Yaroslav Schwarzstein

Die Krankheit verleiht Monsterkräfte: Yaroslav Schwarzstein zeichnet Vladimir Sorokins Romandystopie „Der Schneesturm“.

          2 Min.

          Just zur Zeit der in Deutschland lahmenden Impfkampagne und der Kontroversen um das russische Vakzin Sputnik V ist ein Band mit Zeichnungen erschienen, der in ein archaisch-hochtechnologisches Russland der Zukunft entführt. Darin versucht ein Arzt, den rettenden Impfstoff in ein von einer Seuche heimgesuchtes Dorf zu bringen. Der aus der russischen Provinzstadt Tula stammende, heute in Hannover lebende Künstler und Musiker Yaroslav Schwarzstein hat sich von dem vor zehn Jahren erschienenen Roman Vladimir Sorokins, „Der Schneesturm“, gefangen nehmen lassen und Figuren und Szenen in die Sprache bald anatomisch präziser, bald pointillistisch zerstiebender Federzeichnungen übersetzt. Schwarzsteins Skizzensammlung, die der Verlag ciconia ciconia unter dem Titel „Blizzard“ herausgebracht hat, greift wie Sorokin gekonnt klassische Stile auf, um sie zum märchenhaften Mix zu rekombinieren.

          Kerstin Holm
          (kho.), Feuilleton

          Sorokin spinnt eine große russische Tradition fort, sowohl Alexander Puschkin als auch Lew Tolstoi schrieben Erzählungen mit dem gleichen Titel. Sorokin erzählt im Idiom eines Tolstoi oder Tschechow von zwei Weggefährten – auf Russisch „Sputniki“ –, die in medizinischer Mission zu einem nur zwanzig Kilometer entfernten Ort aufbrechen, an dem sie nie ankommen.

          Der europäisch gebildete Doktor, dem der Autor eine große Nase und erotische Erregbarkeit schenkt, hat die Zweitimpfung gegen eine Krankheit im Gepäck, die Menschen in Monster mit übermenschlichen Kräften verwandelt. In dieser Winterwelt fährt man wieder Pferdeschlitten, der allerdings von fünfzig offenbar genmanipulierten Minipferdchen durch einen Laufbandmechanismus angetrieben wird. Die üppige Müllersgattin, die ihren giftigen Winzmann gefügig umsorgt, sich dem Intellektuellen aber sofort willig hingibt, scheint auch das Verhältnis des großen Landes zu seinen Machthabern und den Kreativen in ein Bild zu fassen.

          Schwarzstein schildert den Arzt mit seinen spiegelnden Kneifergläsern in Altmeisterschraffur und subtil karikierend wie ein Horst Janssen oder Wilhelm Busch. Der schönen Müllerin hingegen verleiht er die porzellanglatten Volumina der Kaufmannsfrauen, die Boris Kustodiew sich in der frühen Sowjetzeit erträumte. Eher impressionistisch zerfranst strichelt er die Züge des früh seiner Lendenkraft verlustig gegangenen Brotkutschers, dessen ganze Zärtlichkeit seinen anmutigen Zugtierchen gilt. Die weißen Seiten werden dem Künstler zur schneeigen Leere, auf der als schwarze Punkte, Flecken oder Linienornament Birkenstämme, Menschen in Zottelpelzen und ihr fragiles Pferdestärkengefährt hervortreten, das, wie viele Sowjetautos der Marke Schiguli, unterwegs wiederholt Pannen erleidet.

          Sorokin und Schwarzstein beschwören eine poetisch-prophetische Märchenwelt, in der der Intellektuelle durch Hybris schuldig wird und scheitert, der Mann aus dem Volk zugrunde geht – und beide von einem chinesischen Transportzug mit haushohen Riesenpferden eingesammelt werden. Das weiße Treiben vernichtet das Raumgefühl, die Helden kommen von der Straße ab, drehen sich im Kreis, rammen im Schnee aber auch eine geheimnisvolle Kristallpyramide, die sich als Superdroge erweist, und die Nase eines Riesen, der neben seiner leeren Wodkaflasche erfroren ist. Unser Bild, das auf den „Leichnam Christi“ von Hans Holbein anspielt, zeigt den Doktor, der nach einem Versuch, das Dorf doch noch zu Fuß zu erreichen, in den Betriebsraum des Schlittens gekrochen ist, um sich an den Pferdchen zu wärmen, wobei seine Gulliverfigur die Verschalung sprengen und den Weggefährten das Leben kosten wird.

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