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Verfolgter Dichter Yahya Hassan : Ich bekrieg euch mit Worten

  • -Aktualisiert am

Vor Gericht ging es nicht gut für ihn aus: Yahya Hassan. Bild: Busse, Christoph

Leipzig 2014, das war vor allem der Auftritt des phänomenalen, von Islamisten verfolgten Dichters Yahya Hassan. Seine Wutenergie verband sich aufs Beste mit der Schwarmenergie der Leipziger Leseverrückten.

          Am Ende dann, die Fahrt zurück im Zug nach Berlin, überfüllte Abteile, alle stehen, kauern, sitzen, alle leise, versunken, ein Buch vor sich auf den Knien, leuchtende Elektrobücher, zentnerdicke Taschenbücher, neue oder alte Bücher, jeder konzentriert, ganz für sich, in der Welt, die er sich von der Buchmesse mitgebracht hat. Das ist überwältigend, egal ob man zum ersten oder siebten oder fünfzehnten Mal hierher nach Leipzig kommt, diese Leserei, die Dankbarkeit der Menschen hier, allein schon die schiere Menge an Leuten, die hier morgens in die Hallen stürmen, um zwischen Büchern herumzulaufen, Schriftstellern zuzuhören, mit selbstgefertigten Autogrammkarten ihren Lieblingsautoren hinterherzurennen, das ist einfach toll, und jeder, der einmal hier war, wird von dieser Bücherenergie elektrisiert.

          Na ja, und ein bisschen Energie muss man natürlich auch abgeben. Den Verleger eines kleinen Verlages traf ich am Donnerstag so kurz vor zehn, also wenige Minuten bevor die Messe überhaupt erst anfing, mit rotem Kopf, kurz vor Erreichen seines Standes, er sei so fertig, er hätte sich kaum bis hierher kämpfen können durch all die Leser, das sei ja alles total verrückt und anstrengend. Die ganze Messe hatte er da noch vor sich. Ich habe ihn aber später wiedergetroffen. Da hatte er sich dann auch aufgeladen an der Schwarmenergie der Massenleser und war froh.

          Die schönste Schriftstellerin der Welt

          Leipzig, das war in diesem Jahr: der Preisträger Sasa Stanisić, der auf die große Glashallenbühne stürmt, wo ihm jetzt der Preis für seinen Uckermark-Roman verliehen wird, und er reckt ein Ei in die Höhe und sagt, es sei ein echtes Uckermark-Ei, das habe er eben geschenkt bekommen, und er hoffe, es komme wirklich aus der Uckermark, er jedenfalls sei entschlossen, es zu glauben. Kurz zuvor hatte Helmut Lethen den Sachbuchpreis mit den Worten angenommen, er habe vorher gesagt, das sei doch schön, wenn alle fünf Nominierten den Preis bekämen, und jetzt hat er ihn also bekommen, und er sagt, er fände es immer noch schön, „aber ohne Aufteilen“, und es fällt aus der überreichten Preisträgerkladde ein kleines Papier - „oh, ein Scheck“, den behält er schön für sich. Der andere Scheck, den trägt die Hälfte aller Leser als Porträtfotos auf Taschen über den Schultern: Der Actionkritiker Denis ist auf den ARD-Tüten superpräsent. Aber wo ist der echte?

          Dann, am Abend im Lesesaal der Nationalbibliothek, die Zuhörer alle an Lesetischen mit grünen Lampen, Katja Petrowskaja, sie kommt herein, durch die große Flügeltür, schaut und staunt, sieht einen Freund am Lesetisch im Publikum und sagt leise, da würde ich jetzt auch gerne sitzen, dann liest sie, liest und sagt „Mir war es immer peinlich, dass ich nichts erdichtet habe“, sagt „Ich glaubte immer mehr an meine Worte“, sagt „Es ist nicht alles grau, was früher rot war“, sagt „Wer nicht lügt, kann nicht fliegen“, sagt „Die Tränen sind kein Ziel“, und als sie gefragt wird, was sie am meisten überrascht habe beim Schreiben, kommen zwei Hausmeister auf die Bühne und räumen unter großem Lärm das Stehpult ab. Sie haben wohl Feierabend, und die Autorin, die sitzend liest, scheint es nicht zu brauchen.

          Freude eines Preisträgers: Sasa Stanisić bekommt den Leipziger Buchpreis

          Das Traurigste in den Messehallen, wie jedes Jahr, sind die in Mangakostüme gestopften bleichen Jugendlichen. Eine Weile lang kann man das wohl rührend finden, sie sehen aber alle, wirklich alle, in diesen grellen Pressekostümen so unglaublich hässlich aus und lächerlich und zum Erbarmen. Dafür hallt durch die Messesäle umso lauter der Ruf der Schönheit von denen, die dabei gewesen sind, als Zadie Smith am Donnerstagabend las. Der meistgesprochene Satz dieser Messe (vielleicht wirklich, weil alle einen etwas mangagetrübten Blick hatten oder eine Art Sehnsucht) war: „Sie ist die schönste Schriftstellerin der Welt.“ Vor allem Frauen liefen am Freitag wie verzaubert durch die Gänge und schwärmten von der Schönheit Zadie Smith’. Nur Fernsehteams schwärmten nicht, denn Zadie Smith verbietet grundsätzlich Fernsehaufnahmen von sich. Das macht schönheitssüchtige Fernsehleute natürlich stark depressiv. Wollen die Programmplätze nur ungern mit Mangas füllen, statt mit Smith. Und dann steht da ein runder Manga mit Brille und lila Haaren an einer besonders vielbegangenen Hallenkreuzung, grüßt schwäbisch freundlich und trägt einen Sexroman im Arm. Actionkritiker Denis Scheck. Da ist er ja. Manga-Scheck. Echter Schock. Komme gar nicht dazu, zu fragen, was er da macht und warum. Davon muss ich mich erst mal erholen.

          Angst vor Wutverlust

          Und dann ist da dieser junge Mann in hellbraunem Sakko, Pferdeschwanz, großer Sonnenbrille, karierter Hose, leicht tänzelndem Gang, umgeben von Herren in dunklen Anzügen. Das ist Yahya Hassan, achtzehn Jahre alt, staatenloser Palästinenser aus Dänemark, Dichter, von Islamisten mit dem Tode bedroht. Sein Lyrikband wurde in Dänemark 100 000 Mal verkauft. Seine Gedichte erscheinen auf den Leitartikelplätzen der größten dänischen Tageszeitung, kein Däne, der ihn nicht kennt. Er ist das Kind palästinensischer Einwanderer, seine Gedichte erzählen von Gewalt, von Elterngewalt, bigotten Korananbetern, von Hass, dänischer Behördengewalt, Gewalt der Zwangsintegrierung, Sozialschmarotzern. Es sind die Gedichte seines Lebens, Aufwachsens, der Verbrechen, die er begangen hat, Drogen, Sex, Raub, wenn Eltern ihre Kinder in den Kindergarten bringen, war der Dichter zur Stelle, Autos aufbrechen, alles rausnehmen oder gleich das Auto. Er dichtet „FRÜHER HAB ICH GESCHWOREN AUF KORAN / ABER JETZT DA SCHWÖR ICH AUF MEIN / GOTTLOSIGKEIT“. Immer schreiend in Großbuchstaben. „ICH WERD NICHT ÄLTER VON MORAL!“ Und „ICH BEKRIEG EUCH MIT WORTEN / UND IHR WERDET ANTWORTEN MIT FEUER“. Wir waren für einen Abend zu einem Interview verabredet, beim Essen. Aber die Pressesprecherin des Verlages sagt kurzfristig ab. Er habe keine Lust. Zu viele Fragen den ganzen Tag. Er wolle seine Ruhe. Gut.

          Ich treffe ihn am nächsten Morgen am Stand seines deutschen Verlages Ullstein. Er sieht mich nicht an. Sein Handschlag ist der einer gleichgültigen Fliege, eher die Verweigerung eines Handschlages. Alles an ihm ist Verachtung, bestenfalls Gleichgültigkeit. Seine Augen sind überall, nur nicht bei dem, mit dem er sich unterhalten soll. Ich frage ihn auf Englisch, wie er die Messe findet. „Schrecklich.“ Warum? Fürchterliche Fragen, bei den Lesungen wird nicht zugehört, der deutsche Text werde grauenvoll vorgetragen, das alles habe nichts mit ihm zu tun, gar nichts. Er schaut unter sich. Wartet nur, dass auch dies Gespräch irgendwie vorübergeht. Ich frage, ob er Angst hat, dass seine Gedichte vereinnahmt werden, von politischen Parteien, fremdenfeindlichen Parteien. Jetzt blickt er auf. Er sieht den Dolmetscher an, der dabeisitzt. Er bittet ihn, zu übersetzen, es sei ihm wichtig. Er sagt, es ist ihm egal, wer seine Gedichte liest und wie. Er sagt: „Nehmen wir an, die Gedichte wären rechtsradikal, von einem Rechtsradikalen geschrieben. Was würde es ändern. Nichts. Ich bin ja da. Ich bin der Mann, der das geschrieben hat. Es sind meine Texte. Ich stelle Bilder in die Welt.“ Metaphern. Bilder. Worte. Das alles sei das Gegenteil von Ideologie. Beifall von welcher Seite. Es sei ihm egal. Das Gespräch bekommt jetzt eine Intensität, die mich total absorbiert. Es ist, als sei er plötzlich aus einem tiefen Schlaf erwacht. Ich frage, ob er nicht Angst habe, jetzt, mit dem Erfolg, dem Ruhm, mit Literaturpreisen, die Wut zu verlieren, die Kraft, die Energie, die er zum Schreiben braucht. „Keine Angst“, sagt er. Das sei ja alles in ihm.

          Er ist wirklich großartig!

          Vor ein paar Wochen sei er nach Kiew gefahren, auf den Maidan. Es sei unglaublich gewesen, er sei einfach nur herumgelaufen, habe mit den Demonstranten gesprochen. Er habe die dänischen Journalisten gesehen, die in ihren Fünf-Sterne-Hotels sitzen und ihre fertigen Bilder im Kopf haben, nicht mehr rausgehen. Er habe einen jungen Ukrainer getroffen, der von einer Boulevardzeitung eine winzige Summe Geld bekommen habe, um auf die Barrikaden zu gehen und Informationen zu beschaffen. Der sich in Lebensgefahr begab für beinahe nichts. Seine Verachtung für die westlichen Journalisten, für diese Menschen mit den fertigen Bildern im Kopf ist grenzenlos. Er will schauen. Dichten ist für ihn Bewegung, das Gegenteil von Ideologie. Als er in Kiew war, sollte er eigentlich gerade einen Preis von der Zeitung „Politiken“ bekommen. Stattdessen schickt er ein Gedicht. (s. F.A.S. vom 16. März, Seite 41)

          Und, nein, er habe keine Angst. An die Personenschützer gewöhne man sich. Manchmal sei er selbst noch überrascht, wenn er abends den Müll rausbringe und sie seien da. Sie sind immer da. Er ist geschützt. Dann werden wir unterbrochen. Er muss in die Hallen. Lesen. Er setzt die Sonnenbrille auf, geht kurz rauchen, von den Männern begleitet. Dann liest er. Es klingt wie ein Gebet, wie ein Gesang. Er steht da, in der riesigen Sonnenhalle, sein schwarzes Buch in der Hand. Was für ein Dichter! Ich lehne mich etwas abseits an eine Mauer. Neben mir ein braungebrannter Herr im Hemd. „Er ist unglaublich, oder?“, fragt er mit leicht dänischem Akzent. Ich sage ja. Ob er ihn gut kenne? „Sehr gut“, sagt er. „Ich bin sein Personenschützer. Ich bin rund um die Uhr bei ihm. Er ist wirklich großartig!“

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