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Verfolgter Dichter Yahya Hassan : Ich bekrieg euch mit Worten

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Ich treffe ihn am nächsten Morgen am Stand seines deutschen Verlages Ullstein. Er sieht mich nicht an. Sein Handschlag ist der einer gleichgültigen Fliege, eher die Verweigerung eines Handschlages. Alles an ihm ist Verachtung, bestenfalls Gleichgültigkeit. Seine Augen sind überall, nur nicht bei dem, mit dem er sich unterhalten soll. Ich frage ihn auf Englisch, wie er die Messe findet. „Schrecklich.“ Warum? Fürchterliche Fragen, bei den Lesungen wird nicht zugehört, der deutsche Text werde grauenvoll vorgetragen, das alles habe nichts mit ihm zu tun, gar nichts. Er schaut unter sich. Wartet nur, dass auch dies Gespräch irgendwie vorübergeht. Ich frage, ob er Angst hat, dass seine Gedichte vereinnahmt werden, von politischen Parteien, fremdenfeindlichen Parteien. Jetzt blickt er auf. Er sieht den Dolmetscher an, der dabeisitzt. Er bittet ihn, zu übersetzen, es sei ihm wichtig. Er sagt, es ist ihm egal, wer seine Gedichte liest und wie. Er sagt: „Nehmen wir an, die Gedichte wären rechtsradikal, von einem Rechtsradikalen geschrieben. Was würde es ändern. Nichts. Ich bin ja da. Ich bin der Mann, der das geschrieben hat. Es sind meine Texte. Ich stelle Bilder in die Welt.“ Metaphern. Bilder. Worte. Das alles sei das Gegenteil von Ideologie. Beifall von welcher Seite. Es sei ihm egal. Das Gespräch bekommt jetzt eine Intensität, die mich total absorbiert. Es ist, als sei er plötzlich aus einem tiefen Schlaf erwacht. Ich frage, ob er nicht Angst habe, jetzt, mit dem Erfolg, dem Ruhm, mit Literaturpreisen, die Wut zu verlieren, die Kraft, die Energie, die er zum Schreiben braucht. „Keine Angst“, sagt er. Das sei ja alles in ihm.

Er ist wirklich großartig!

Vor ein paar Wochen sei er nach Kiew gefahren, auf den Maidan. Es sei unglaublich gewesen, er sei einfach nur herumgelaufen, habe mit den Demonstranten gesprochen. Er habe die dänischen Journalisten gesehen, die in ihren Fünf-Sterne-Hotels sitzen und ihre fertigen Bilder im Kopf haben, nicht mehr rausgehen. Er habe einen jungen Ukrainer getroffen, der von einer Boulevardzeitung eine winzige Summe Geld bekommen habe, um auf die Barrikaden zu gehen und Informationen zu beschaffen. Der sich in Lebensgefahr begab für beinahe nichts. Seine Verachtung für die westlichen Journalisten, für diese Menschen mit den fertigen Bildern im Kopf ist grenzenlos. Er will schauen. Dichten ist für ihn Bewegung, das Gegenteil von Ideologie. Als er in Kiew war, sollte er eigentlich gerade einen Preis von der Zeitung „Politiken“ bekommen. Stattdessen schickt er ein Gedicht. (s. F.A.S. vom 16. März, Seite 41)

Und, nein, er habe keine Angst. An die Personenschützer gewöhne man sich. Manchmal sei er selbst noch überrascht, wenn er abends den Müll rausbringe und sie seien da. Sie sind immer da. Er ist geschützt. Dann werden wir unterbrochen. Er muss in die Hallen. Lesen. Er setzt die Sonnenbrille auf, geht kurz rauchen, von den Männern begleitet. Dann liest er. Es klingt wie ein Gebet, wie ein Gesang. Er steht da, in der riesigen Sonnenhalle, sein schwarzes Buch in der Hand. Was für ein Dichter! Ich lehne mich etwas abseits an eine Mauer. Neben mir ein braungebrannter Herr im Hemd. „Er ist unglaublich, oder?“, fragt er mit leicht dänischem Akzent. Ich sage ja. Ob er ihn gut kenne? „Sehr gut“, sagt er. „Ich bin sein Personenschützer. Ich bin rund um die Uhr bei ihm. Er ist wirklich großartig!“

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