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Verfolgter Dichter Yahya Hassan : Ich bekrieg euch mit Worten

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Das Traurigste in den Messehallen, wie jedes Jahr, sind die in Mangakostüme gestopften bleichen Jugendlichen. Eine Weile lang kann man das wohl rührend finden, sie sehen aber alle, wirklich alle, in diesen grellen Pressekostümen so unglaublich hässlich aus und lächerlich und zum Erbarmen. Dafür hallt durch die Messesäle umso lauter der Ruf der Schönheit von denen, die dabei gewesen sind, als Zadie Smith am Donnerstagabend las. Der meistgesprochene Satz dieser Messe (vielleicht wirklich, weil alle einen etwas mangagetrübten Blick hatten oder eine Art Sehnsucht) war: „Sie ist die schönste Schriftstellerin der Welt.“ Vor allem Frauen liefen am Freitag wie verzaubert durch die Gänge und schwärmten von der Schönheit Zadie Smith’. Nur Fernsehteams schwärmten nicht, denn Zadie Smith verbietet grundsätzlich Fernsehaufnahmen von sich. Das macht schönheitssüchtige Fernsehleute natürlich stark depressiv. Wollen die Programmplätze nur ungern mit Mangas füllen, statt mit Smith. Und dann steht da ein runder Manga mit Brille und lila Haaren an einer besonders vielbegangenen Hallenkreuzung, grüßt schwäbisch freundlich und trägt einen Sexroman im Arm. Actionkritiker Denis Scheck. Da ist er ja. Manga-Scheck. Echter Schock. Komme gar nicht dazu, zu fragen, was er da macht und warum. Davon muss ich mich erst mal erholen.

Angst vor Wutverlust

Und dann ist da dieser junge Mann in hellbraunem Sakko, Pferdeschwanz, großer Sonnenbrille, karierter Hose, leicht tänzelndem Gang, umgeben von Herren in dunklen Anzügen. Das ist Yahya Hassan, achtzehn Jahre alt, staatenloser Palästinenser aus Dänemark, Dichter, von Islamisten mit dem Tode bedroht. Sein Lyrikband wurde in Dänemark 100 000 Mal verkauft. Seine Gedichte erscheinen auf den Leitartikelplätzen der größten dänischen Tageszeitung, kein Däne, der ihn nicht kennt. Er ist das Kind palästinensischer Einwanderer, seine Gedichte erzählen von Gewalt, von Elterngewalt, bigotten Korananbetern, von Hass, dänischer Behördengewalt, Gewalt der Zwangsintegrierung, Sozialschmarotzern. Es sind die Gedichte seines Lebens, Aufwachsens, der Verbrechen, die er begangen hat, Drogen, Sex, Raub, wenn Eltern ihre Kinder in den Kindergarten bringen, war der Dichter zur Stelle, Autos aufbrechen, alles rausnehmen oder gleich das Auto. Er dichtet „FRÜHER HAB ICH GESCHWOREN AUF KORAN / ABER JETZT DA SCHWÖR ICH AUF MEIN / GOTTLOSIGKEIT“. Immer schreiend in Großbuchstaben. „ICH WERD NICHT ÄLTER VON MORAL!“ Und „ICH BEKRIEG EUCH MIT WORTEN / UND IHR WERDET ANTWORTEN MIT FEUER“. Wir waren für einen Abend zu einem Interview verabredet, beim Essen. Aber die Pressesprecherin des Verlages sagt kurzfristig ab. Er habe keine Lust. Zu viele Fragen den ganzen Tag. Er wolle seine Ruhe. Gut.

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