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„Pflaumenregen“ von Thome : So aktuell kann ein historischer Roman sein

Furcht vor dem Vorwurf der kulturellen Appropriation

Bis auf Dave, den britischen Geliebten von Julie, der 1988 geborenen Enkelin von Umeko, die hin- und hergerissen ist zwischen dem Bleiben in ihrer bedrohten Heimat Taiwan und einem Leben anderswo. Ihr Onkel Chen Hao ist bereits in die Vereinigten Staaten ausgewandert und hat dort eine Familie gegründet, deren Kinder kaum mehr Chinesisch sprechen. Zum Geburtstag der Großmutter kommt die Familie in Taipeh zusammen, und die Ansichten über ihre individuellen Zukünfte werden ausgetauscht. Dabei schwingt stets aber auch die Zukunft der erst seit den späten Achtzigerjahren demokratisierten taiwanischen Gesellschaft mit. „Pflaumenregen“ ist jedoch kein Thesenroman. Wie Thome durch den Rekurs auf die Gründungsgeschichte des heutigen Taiwan im Spiegel einer einzelnen Familie Zeitgeschichte zu erzählen weiß, das hat nicht viele Parallelen in der deutschen Gegenwartsliteratur.

Stephan Thome: „Gebrauchsanweisung für Taiwan“.

Piper Verlag,München 2021.

223 S., br., 15,– €.
Stephan Thome: „Gebrauchsanweisung für Taiwan“. Piper Verlag,München 2021. 223 S., br., 15,– €. : Bild: Verlag

Für Taiwan ist bereits eine Übersetzung seines Romans verabredet; ansonsten aber schrecken fremdsprachige Lizenznehmer zurück, weil sie beim Buch eines Deutschen über Taiwan den Vorwurf kultureller Appropriation fürchten. So weit sind wir gekommen; Qualität spielt dabei ebenso wenig eine Rolle wie Anerkennung des Autors in der beschriebenen Gesellschaft selbst. Was für ein Glück, dass Thome hierzulande renommiert ist; man möchte sich kaum vorstellen, was einem ähnlichen Manuskript eines deutschen Novizen widerfahren wäre. So aber adelt nun zusätzlich der Markenname Suhrkamp.

Ein Kulturkurs, um taiwanesische Literatur besser zu verstehen

Und noch mehr Glück: Thome hat gleichzeitig im Rahmen einer erfolgreichen Buchreihe des Piper Verlags eine „Gebrauchsanweisung für Taiwan“ herausgebracht, die sich stellenweise wie ein Making-of zu seinem Roman liest. Hier stellt der Autor ganz sachorientiert, aber dezidiert parteiisch (nämlich pro-taiwanisch) seine neue Heimat vor, gerade im Konflikt mit China, und so manche dabei kolportierte Anekdote eigener Begegnungen erweist sich als Keimzelle von Romanpassagen – bis hin zu Erlebnissen der Familie seiner Frau. Die „Gebrauchs­anweisung“ ist gewiss kein Reiseführer im klassischen Sinne, sondern ein Reiseverführer: Auch wenn das Gros des Inhalts der Geschichte der Insel und dem Leben in ihrer Hauptstadt Taipeh gilt, möchte man nach Lektüre sofort wieder dorthin. Oder überhaupt einmal, und dafür bietet Thome mit der Kombination aus Roman und Gebrauchsanweisung eine Grundlage, wie es in unserer Sprache bislang keine gab.

K-Ming Chang: „Bestiarium“. Roman.

Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2021.

286 S., geb., 24,– €.
K-Ming Chang: „Bestiarium“. Roman. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2021. 286 S., geb., 24,– €. : Bild: Verlag

Und selbst für die Lektüre taiwanischer Literatur (leider ein Rarissimum in deutschen Verlagsprogrammen) liefert Thome hochwillkommene Handreichung – nicht explizit, aber durch das Geschick, mit der er in „Pflaumenregen“ historische und auch mythische Stoffe mit seiner fiktionalen Handlung verwoben hat. Die Lektüre bietet dadurch subkutan einen Kulturkurs, der etwa fürs Verständnis von K-Ming Changs gerade auf Deutsch erschienenen Roman „Bestiarium“ von großem Nutzen ist.

Nicht nur, dass man den biographisch-kulturellen Hintergrund der 1998 geborenen amerikanischen Schriftstellerin mit taiwanischen Wurzeln nun dadurch gut einzuordnen weiß, dass Chen Haos Familie aus Thomes Roman einen ähnlichen Werdegang aufweist; vor allem aber werden ganze Motivketten etwa um Kopfjäger, Weißen Terror oder Kampferbäume, die bei Chang un­erläutert auftauchen, durch das von Thomes Büchern vermittelte historische Wissen auch für solche Leser klar, die selbst keine Wurzeln in Taiwan oder Wissen über die Insel haben.

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Wovon Chang in fantasiereicher, leider stark skatologisch geprägter Prosa erzählt, ist das Integrationsbemühen einer betreffs ihrer Herkunft als Alter Ego der Verfasserin angelegten jungen Frau sowohl im Blick aufs amerikanische Leben als auch auf bisweilen traumatische Familientraditionen. Mit der Metamorphose der jungen Frau zu einem Tigergeist wie auch ihrer sexuellen Orientierung ist Diversität das eigentliche Leitthema. So gesehen ist die Erzählweise von K-Ming Chang gegenüber der von Thome die ungleich modernere. Aber auch die ungleich modischere. Wenn es darum geht, was uns übers Fremde erzählt wird, bietet Thomes „Pflaumen­regen“ noch ungleich mehr als Changs „Bestiarium“.

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