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Wolfgang Englers neues Buch : Her mit dem Elitenwechsel

  • -Aktualisiert am

Wolfgang Engler, 2009 Bild: Julia Baier

Sanftes Raunen von der Revolution trifft platte Kritik: Wolfgang Engler hält mit beim großen Neoliberalismus-Bashing. Seine Belesenheit hilft ihm dabei nicht weiter.

          3 Min.

          Als die DDR ins Straucheln geriet und die Bürger die Revolution probten, herrschte Aufbruchsstimmung. Die Demonstranten auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989 strahlten Zuversicht und Heiterkeit aus. So jedenfalls notiert es der Beobachter Wolfgang Engler, um dreißig Jahre später am gleichen Ort im Herzen Berlins ein gewandeltes „Volk“ zu erkennen: „Es kommt jetzt grimmig daher. Verbissen. Altdeutsch.“ Den Soziologen und Zeitkritiker beunruhigt dieser Wandel, und er fragt nach Gründen dafür.

          Am Anfang seines Erklärungsversuchs steht die ursprünglich von Karl Popper geprägte Formel der „offenen Gesellschaft“, die ein freiheitliches und glückliches Zusammenleben verhieß. Umso größer sei die Enttäuschung gewesen, die darauf folgte. Statt Öffnungsprozessen erkennt Engler allerorten eine neue soziale Abschottung zwischen Oben und Mitte, Mitte und Unten, Unten und Außen. Letztgenanntes Phänomen lasse sich verstärkt seit der „Flüchtlingskrise“ von 2015 beobachten. So steuerten wir auf den Zustand einer „abstrakten Gesellschaft“ zu, in der persönliche Beziehungen verlorengingen und anonyme, isolierte und verunsicherte Individuen ein unglückliches Dasein führten. Engler erinnert mit der „abstrakten Gesellschaft“, und hierfür ist ihm zu danken, an eine wenig beachtete, freilich skizzenhaft bleibende Passage in Poppers Klassiker „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“.

          Wer nun annehmen würde, Engler wäre so etwas wie ein Popperianer, irrt gründlich. Das Gegenteil ist der Fall, wie er deutlich erkennen lässt. Unter dem Strich liest Engler Poppers Werk als eine für Verblendung sorgende Rechtfertigungsideologie der kapitalistischen Gesellschaft. Sein langer Essay gleicht der Niedergangsgeschichte eines trügerischen Idealbildes und Heilsversprechens, das in der „neoliberalen“ Wirklichkeit gleichsam eine Bruchlandung erlebt habe. So sei die offene Gesellschaft in Wahrheit „die verhimmelte bürgerliche Gesellschaft, die sie voraussetzt und auf der sie aufbaut“. Sie biete weiter den „Flankenschutz“ für die „Landnahme des Kapitalismus“.

          Die Marx-Engel’sche Basis-Überbau-Tektonik gibt dem Text so etwas wie ein Gerüst, auch wenn davon nicht ausdrücklich die Rede ist und Engler die beiden sozialistischen Vordenker nur an einer Stelle zitiert. Belesen ist er in jedem Fall. Er versammelt seine Lesefrüchte von Machiavelli und Tocqueville über Hannah Arendt und Norbert Elias bis zu David Graeber und Thomas Piketty, zitiert dabei gerne und ausgiebig. Das bekommt der Form des Essays nicht unbedingt, bremsen die vielen Kronzeugen doch den Schwung und das Fortschreiten des eigenen Gedankengangs.

          Der tritt allerdings ohnehin auf der Stelle, präsentiert der Autor bei Lichte betrachtet doch nicht viel mehr als eine weitere „Neoliberalismus“-Kritik. Mit dem Begriff selbst setzt er sich nicht eingehend auseinander, reduziert ihn auf die polemische Variante eines blindwütigen marktradikalen Fundamentalismus, wie er sich seit Thatchers und Reagans Zeiten herausgebildet habe. Wie wenig der Autor sich um Differenzierung bemüht, wird spätestens deutlich, wenn er unter die geistigen Ahnherren nebenbei mit leichter Hand Wilhelm Röpke einsortiert, den Miturheber der Sozialen Marktwirtschaft und führenden Vertreter eines an ethischen Fragen ausgerichteten Ordoliberalismus. Wenn Engler behauptet, der Neoliberalismus sei „Antipolitik“, kann er Röpke im Ernst nicht meinen.

          Widersprüche und Simplifizierung

          Starke Gegenstimmen und Zwischentöne wie von Röpke nimmt er nicht wahr, ebenso wenig Überlegungen eines Soziologen wie Ralf Dahrendorf, von dem einiges Bedenkenswertes über den Freiheitsbegriff im Spannungsfeld von Individuum und gesellschaftlichem Zusammenhang zu erfahren wäre. Engler verfährt widersprüchlich: Er beklagt die Dominanz neoliberaler Antipolitik, denkt selbst aber keineswegs genuin politisch, sondern leitet alles von ökonomischen Grundbedingungen ab. Funktionsmechanismen und Institutionen der Demokratie wie des Rechtsstaats an sich interessieren ihn wenig. Anders wäre wohl kaum zu erklären, dass nach seiner Ansicht sogar die russische Revolution „den Katalog der ‚offenen Gesellschaft‘ in manchem durchaus bediente“. Indem sie „radikal mit den alten Oberschichten“ aufräumte, habe sie einen „durchgreifenden Elitenwechsel auf allen Ebenen und in allen sozialen Feldern“ bewirkt.

          Immerhin sorgt Engler mit solchen Formulierungen für einiges Staunen, das sein wenig origineller, repetitiver Essay ansonsten kaum auszulösen vermag. Daran kann auch ein sanftes Revolutionsraunen im Ausblick nichts ändern, in dem Engler „nach langen Jahren geistiger Ermattung“ den „Streit im Grundsätzlichen“ zurückkehren sieht. „Statt nur als verlängerte Gegenwart wird Zukunft als solche wieder denkbar.“ Offenbar glaubt er daran, Freiheit und Sozialismus ließen sich doch noch miteinander vereinbaren. Selbst Popper konnte dem Wunschbild einiges abgewinnen, hielt es aber für realitätsfern und von der Geschichte widerlegt.

          Wolfgang Engler: „Die offene Gesellschaft und ihre Grenzen“. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2021. 207 S., geb., 18,– €.

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