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Wolf Biermann wird 70 : Der Poet, der den Staat stürzte

13.11.1976: Nach dem Kölner Konzert wurde der Liedermacher ausgebürgert Bild: ddp/Robert-Havemann-Gesellschaft

Ein kompromißloser Regimekritiker, ein Wahlverwandter der Studentenbewegung, ein Popstar: Wolf Biermann wird 70. Alt ist der Mann, der den „Anfang vom Ende der DDR“ einläutete, aber noch lange nicht. Ein Porträt von Jochen Hieber.

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          Wolf Biermann gibt es zweimal - als Menschen und als Mythos. Als Mensch ist er das Kind einer schlimmen Zeit. Drei Jahre nach Hitlers Machtergreifung wird er hineingeboren in eine Werftarbeiterfamilie aus Hamburg-Hammerbrook. Der Vater, Jude und Kommunist, ist im Widerstand gegen die Nationalsozialisten, wird verhaftet, eingesperrt und 1943 in Auschwitz ermordet. Die Mutter, Nichtjüdin und Kommunistin, rettet, ebenfalls 1943, dem noch nicht Siebenjährigen in der Hamburger Bombennacht das Leben.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Bis 1953 besucht er, „radikal der schlechteste Schüler“, das bürgerliche Heinrich-Hertz-Gymnasium, siedelt dann bewußt in die DDR über, eckt alsbald an, wird 1963 aus der Partei geworfen, darf von 1965 an weder publizieren noch auftreten, wird 1976 ausgebürgert, lebt seither wieder in Hamburg, ist Vater vieler Kinder, ein Freund der Frauen, nicht ganz uneitel, dabei verschmitzt, von selbstironischem Witz. Er arbeitet unermüdlich, schreibt Gedichte, Lieder, Essays, Polemiken, Pamphlete, gibt Interview auf Interview, übersetzt Bob Dylan wie Shakespeare und zieht nach wie vor als gern gebuchter „Mietkünstler“ mit seiner Gitarre durch die Lande. Heute wird er siebzig, alt ist er noch lange nicht.

          Mythos Biermann

          Jung geblieben ist der Mythos Biermann. Er entstand seit Mitte der sechziger Jahre und hatte von Beginn an eine feste Adresse: Ost-Berlin, Chausseestraße 131. Dort, inmitten der fahlen Kapitale der DDR und ihrer inkommoden Diktatur, baut sich der verfemte Wolf Biermann eine Gegenwelt, empfängt Freunde und Genossen, die, unverzagt wie er, an den Sozialismus glauben, ihn im Bürokratenkommunismus der SED aber nicht finden können. Die Texte, die er schreibt, die Lieder, die er singt und spielt, zirkulieren als Konterbande im kleinen Land und werden auch in die an sich verachtete „BRD“ geschmuggelt, wo sie von 1965 an, beginnend mit dem Gedichtband „Die Drahtharfe“ und der Schallplatte „Wolf Biermann (Ost) zu Gast bei Wolfgang Neuss (West)“, rasch für Furore sorgen.

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          Die Sagengestalt Biermann war stets ein gesamtdeutsches Phänomen - jenseits der Elbe und zusammen mit dem um ein Vierteljahrhundert älteren Naturwissenschaftler und Regimekritiker Robert Havemann verkörperte sie die Hoffnung auf einen politischen Frühling nach Prager Vorbild, diesseits der Elbe figurierte sie als Wahlverwandter der Studentenbewegung, als Bohemienkommunarde und als Popstar obendrein.

          Geht es nicht auch dir so?

          Was in den Jahren bis 1976 entstand, ist Biermanns Bestes. Die Alben „Chausseestraße 131“, 1969 erschienen, „Warte nicht auf beßre Zeiten“ (1973) und „Liebeslieder“ (1975), dazu Gedichte wie „Ach, Freund, geht es nicht auch dir so?“ (1965) oder „Fritz Cremer, Bronze: Der Aufsteigende“ (1967): wenn man das nach langer Zeit heute wieder hört und wieder liest, stellt man erleichtert fest - ja, es kann und soll bleiben. Diese von François Villon, Heinrich Heine und Bertolt Brecht zuerst geborgte, mit einer Nuance Rilke angereicherte, mit Erich-Fried-Sound vermischte und dann mit höchst eigener Vitalität und eigenen Themen zum unverkennbaren Biermann-Ton emporwachsende Originalität ist unverwüstlich - zumindest für des Sängerdichters Generationsgenossen und deren unmittelbare, im ersten Nachkriegsjahrzehnt geborene Nachfolger.

          Ganz wenige sind das nicht. Und für wohl fast alle von ihnen hat das Cover von „Warte nicht auf beßre Zeiten“ auch gleichen Legendenrang wie das des Beatles-Albums „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“ oder die Hülle von „Sticky Fingers“, dem Klassiker der Rolling Stones.

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