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Wohin mit alten Büchern? : Der kleine Pauly sucht ein Zuhause

Gebrauchte Bücher in artgerechter Haltung: Antiquariatsmesse in Ludwigsburg. Bild: Picture-Alliance

Wenn niemand sie haben will: Das erste Opfer einer Wohnungsauflösung sind oft die Bibliotheken. Aber müssen sie wirklich im Abfallbehälter landen?

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          Ein flacher offener Container am Straßenrand, mitten im Wohngebiet. Es ist früher Abend, trocken und kalt. Kein Grund, mit dem Fahrrad anzuhalten. Ein Blick im Vorüberfahren macht dann doch neugierig. Anstelle des erwarteten Bauschutts ist der Container randvoll mit Büchern, es werden einige tausend sein. Noch überraschender sind die Titel: Keine Bildbände, Kochbücher oder einst modische und heute vergessene Romanbestseller, die man aussortiert am Straßenrand erwartet hätte. Stattdessen Nachschlagewerke wie das vielbändige Kindler-Lexikon der Malerei oder das Antiken-Kompendium „Der Kleine Pauly“, dazu die Biographie eines Archäologen und ein historischer Roman über Pompeji, einiges von Iris Murdoch im englischen Original und von Salman Rushdie auf deutsch, ein Arabisch-Wörterbuch und eines zur italienischen Sprache, ein hundert Jahre alter Führer zum Dresdner Zwinger: Nichts Uninteressantes dabei.

          Ein Mann gesellt sich dazu, staunt über das, was er sieht. Ob er sich etwas mitnehmen dürfe, fragt er, als ob er fragen müsste. Vor der Haustür nebenan steht eine Nachbarin, die sich den Container auch nicht erklären kann. Zieht da vielleicht jemand aus, muss sein Besitz Knall auf Fall entsorgt werden? Wollte kein Freund, kein Verwandter, kein Händler die Lexika haben, wollte niemand arabische Ausdrücke nachschlagen? Dann ist von einer Frau Doktor die Rede, die dort im Haus wohne, die man schon eine Weile nicht mehr zu Gesicht bekommen hätte und von der die Bücher vielleicht stammten, eine alte Frau, die auch selbst schon Bücher geschrieben hätte. Der Blick in den Container lässt das Bücherschreiben auf einmal als nicht mehr besonders attraktiv erscheinen. Das Bücherbesitzen auch, wenn es dann doch einmal so enden muss.

          Spuken im eigenen Buchbestand

          Ein Großonkel, der prächtige Bände besaß, handelte mit der örtlichen Universitätsbibliothek eine Schenkung aus: Nach seinem Tod sollte ein eigener Raum für seine Sammlung eingerichtet werden, was dann auch geschah, schließlich hatte er der Bibliothek einiges zu bieten. Vielleicht hoffte er darauf, später dort herumzugeistern und seinen Büchern zärtlich die Lederrücken zu streicheln. Oder sollte man rechtzeitig irgendwo auf dem Land eine Scheune anmieten und die Bücher dort einlagern, bis sie irgendwann wieder gebraucht werden, von wem auch immer?

          Antiquare, so hört man, kaufen sowieso fast nichts mehr an. Ist da ein Container am Straßenrand nicht nur konsequent? Noch ein Blick hinein: Ein Baedeker über die Schweiz, Heinrich Mann, Rilke, Faulkner, Wilhelm Busch, eine Anthologie viktorianischer Kurzgeschichten von Frauen, das „Handbuch der Klimatechnik“, „The Prime Ministers from Lord John Russell to Edward Heath“, französische Bücher, italienische. Und so viel mehr. Mitnehmen möchte man gerade nichts, nicht in dieser Stimmung. Dann fängt es an zu regnen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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