https://www.faz.net/-gr0-7rars

Wettlesen in Klagenfurt : Bachmannpreisträger, verzweifelt gesucht

Ein Mann, ein Strauß: Tex Rubinowitz wird mit dem Bachmannpreis ausgezeichnet Bild: dpa

Gerade erst voriges Jahr war er noch einmal mit viel Glück und Chuzpe gerettet worden. Jetzt steht es wieder steht schlecht um den Literaturwettbewerb in Klagenfurt. Aber ein Sieger fand sich mit Tex Rubinowitz dennoch.

          3 Min.

          Tex Rubinowitz ist in Klagenfurt bekannt wie ein scheckiger Hund. Schließlich hat der in Wien lebende Cartoonist die Tage der deutschsprachigen Literatur mit seinen Kollegen von der Automatischen Literaturkritik jahrelang begleitet und kommentiert. Er weiß um all die Codizes dieser ältesten Castingshow im Fernsehen. Deshalb hat er bei seiner Lesung, der vorletzten des gesamten Wettbewerbs, auf alles verzichtet, was ihn immer schon gestört hat, vor allem die Manufactum-Porträts der Kandidaten „aus der Schnittbildhölle“, die dem Lesegeknatter vorausgehen.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Bedeutungsschwer im Film in Moleskinebücher kritzeln und hinterher auf der Bühne über Nerzvergasung sprechen, das geht tatsächlich nicht immer gut. Ohne Präludium also legte der 1961 in Hannover geborene Rubinowitz los. Und obwohl dem halbstündigen Vortrag kaum zu folgen war, so fahrig las der Autor seinen lakonisch-komischen Versuch über eine Zweisamkeit auf 26 Wiener Quadratmetern, meinte man, bei der Jury erleichtertes Seufzen zu hören. Konnte es wahr sein? Handelte es sich bei der Story über diesen Erstsemester aus Hannover und seine Irma aus Litauen, die am liebsten Batterien lutscht, um den seit Tagen verzweifelt gesuchten Buchmannpreisgewinner? Dass Rubinowitz mehr durch seine Geschichte stolperte, wurde schon gar nicht mehr groß kommentiert. Es konnte ja ein subversiver Akt gewesen sein; längst vergessen war die hitzige Debatte vom Vortag über die Reoralisierung von Literatur.

          Wo sind die interessanten Debüts?

          Es hat jedenfalls funktioniert; Rubinowitz’ Geschichte, schon im Titel („Wir waren niemals hier“) eine Anspielung auf Kathrin Passigs Siegertext von 2006, ist wie für Klagenfurt gemacht; komisch, neurotisch, mit doppeltem Boden und gegen den literarischen Anspruch gebürstet. Nach drei Wahlgängen nahm der Zeichner (und neuerdings Reiseschriftsteller) den Bachmann-Preis in Höhe von 25.000 Euro erfreut entgegen. Dabei konnte es nur so ausgehen. Eine ernstzunehmende Alternative gab es nicht. So schlecht wie in diesem Jahr hat es um den berühmten Wettbewerb vielleicht noch nie gestanden. Dabei war er gerade erst voriges Jahr noch einmal mit viel Glück und Chuzpe gerettet worden, nachdem der Hauptsponsor ORF nach siebenunddreißig Jahren die Geldmittel streichen wollte. Und dann reist ein Jahrgang an den Wörthersee, der so schwach ist wie die sauren Weine von 2010. Von dem, was Klagenfurt voriges Jahr an aufregenden Texten zu bieten hatte, von Autoren wie Katja Petrowskaja, Heinz Helle, Roman Ehrlich oder Joachim Meyerhoff, war man 2014 Lichtjahre entfernt.

          Bei manchen der dreizehn Lesungen, die sich über drei Tage von morgens bis zum späten Nachmittag ersteckten, mochte man gar nicht mehr zuhören, so provinziell kamen sie daher. Als habe man sich in einen Volkshochschulkurs für kreatives Schreiben verirrt. Lag das an den Juroren, die die falschen Texte auswählten? Lag es an den Verlagen, die keine gescheiten Texte beibrachten? Weder Dumont noch Kiepenheuer & Witsch, Suhrkamp, S. Fischer, Klett-Cotta, Wagenbach oder Hoffmann und Campe waren vertreten. Oder an den Autoren? Weil es eben so und nicht anders um die junge, unabhängige Literatur bestellt ist? Warum liest hier keine Nino Haratischwili? Wo sind die interessanten Debüts? Oder besser: Warum sind sie nicht hier? Dass es sie gibt, ist unbestritten. Es könnte nämlich auch sein, dass es an Klagenfurt liegt, diesem einzigartigen Format, das nur so, in seiner ganzen herrlichen Widersprüchlichkeit, existieren kann. Eine Modernisierung würde der Wettbewerb wohl nicht überstehen. Wenn aber die Qualität der Texte gar nicht mehr tragen, ist es um ihn geschehen.

          Zum Jubeln gab es nur etwas auf dem Neuen Platz

          Dabei geht es in Klagenfurt neben der Literatur immer mindestens so sehr um das Gespräch über Literatur. Gerade auch die Debatte, der Streit, die Taktik der Jury machen den Reiz des Festivals aus, das einem die verschiedensten Temperamente bei der raschen Verfertigung der Gedanken beim Reden vorführt, etwa Hubert Winkels, der sich rheinisch-dialektisch in diskursive Höhen schraubt, Meike Feßmann, die mit klarem Scharfblick Kurs hält, Juri Steiner, der immer Interessantes aus seinem Universum zu erzählen hat und Daniela Strigl, die schillernde Wortschöpfungen wie „Blankversherrlichkeit“ findet. Mit Burkhard Spinnens überraschendem Abschied aus der Juryrunde, deren hochverdienter Vorsitzende er viele Jahre war, eröffnet er hier die Chance für einen Neuanfang. Noch aber war er zugegen, als am Sonntagmittag auch die kleineren Preise verteilt wurden, so gut es ging. Der Schweizer Michael Fehr erhielt für seine passable Performance den Kelag-Preis in Höhe von 10.000 Euro. Diese Mischung aus Polizeiprotokoll und alter Volksweise hat er nicht etwa vom Blatt abgelesen, sondern hörte sie über Kopfhörer und sprach sie dann nach. Der 3sat-Preis ging an den ambitionierten Senthuran Varatharajah aus Sri Lanka, der mit seinem Chat zweier Philosophiestudenten, die sich ihre Flüchtlingsgeschichte erzählen, Hegel und Facebook zusammenbrachte. Der Mr. Heyn ’s Ernst Willner Preis schließlich zeichnete Katharina Gerickes beseelte Operette aus Moabit über die Unmöglichkeit der Liebe in Jambenform aus. Damit hatte sich das Preiskontingent maximal erschöpft, und Gertraud Klemm kann den Zuschauern dankbar sein, dass ihre Suada einer Mutter, die sich der Reproduktion verweigert, den Publikumspreis erhielt.

          Ausgezeichnet: Michael Fehr (l.) bekan den Kelag-Preis, Gertraud Klemm den Publikumspreis, Tex Rubinowitz den Bachmmanpreis, Senthuran Varatharajah den 3sat-Preis und Katharina Gericke den Ernst-Willner-Preis

          Klagenfurt, das funktioniert nur, wenn die Hochkonzentriertheit des Tages durch aufregende Texte belohnt wird. Es war gewiss kein Zufall, dass man dieses Jahr Autoren, Verleger, Lektoren nach acht Stunden Lesung weniger beflügelt, sondern eher ratlos zum See hinaus radeln sah. Auch an den einschlägigen Treffpunkten wie am Lendhafen unweit des ORF-Theaters war weniger los als sonst. Richtig voll wurde es, als die deutschen Fußballer auf der großen Leinwand auf dem Neuen Platz zum Viertelfinale gegen Frankreich antraten. Da versammelten sich auch die Literaten. Zu Jubeln gab es hier ja schließlich etwas.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kann sich auch mal leisten, wer nicht als „reich“ gilt: Dinner in Amsterdam.

          Vermögensverteilung : Die Neuvermessung der Reichen

          Wer die Lücke zwischen Arm und Reich verringern möchte, muss am unteren Ende ansetzen und den Aufbau von Vermögen unterstützen. Viel zu viele Deutsche haben keinerlei Ersparnisse. Das ist ein Armutszeugnis.

          Sondergipfel zu Corona-Hilfen : Verhindert Rutte die EU-Aufbaufonds?

          Ende dieser Woche sollen sich die EU-Chefs auf den 750-Milliarden-Corona-Aufbaufonds einigen. Erfolg oder Misserfolg könnte von einem einzigen Mann abhängen: dem niederländischen Premier Mark Rutte.
          Lauthals gegen Biden: Trump bei der Pressekonferenz im Rosengarten.

          Trumps Ersatz-Wahlkampf : Noch konfuser als sonst

          Wegen Corona kann Donald Trump keine Kundgebungen abhalten. Ersatzweise lädt er Journalisten ins Weiße Haus. Der Vorwand? Die neue China-Politik. Das tatsächliche Thema? Joe Biden. Denn der wolle alle Fenster abschaffen!
          Sturmumtost: das Gebäude der „New York Times“ in New York

          „New York Times“ in der Kritik : Ein Forum für alle?

          Von Kollegen gemobbt, von Twitter bevormundet: Meinungsredakteurin Bari Weiss verlässt die „New York Times“ – und erklärt in einem gepfefferten Kündigungsbrief, warum sie dort nicht mehr arbeiten möchte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.