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Bachmannpreis : Wie wohl die Juroren das gefunden hätten?

Seine Erzählung über einen Mords aus Mitleid wurde kontrovers diskutiert: Roman Marchel in Klagenfurt Bild: dpa

Ein ahnungsloser Autor beim Finanzamt, der Wutschrei einer Mutter, ein Mord aus Mitleid - und ein Text, der keinen Preis gewinnen kann, auch wenn er der bislang beste war: Der erste Tag des Wettlesens um den Bachmannpreis.

          Der beste Text des ersten Vorlesetags wird den Bachmann-Preis am Ende nicht bekommen, so viel steht jetzt schon fest; weil er ihn nicht bekommen kann. Die Hamburger Autorin Karen Köhler hat ihre Teilnahme am Wettstreit wegen Windpocken in letzter Sekunde absagen müssen. Ihr Verlag improvisierte daraufhin eine inoffizielle Lesung am Lendhafen. Und nachdem man den ganzen Tag im kleinen ORF-Theater auf harten Stühlen gesessen hatte, sorgten bei dieser Soli-Lesung im Freien sicherlich auch frische Luft, Sonne und Cola für gute Stimmung.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dabei war das, was Karen Köhlers Verleger Jo Lendle, ihr Juror Hubert Winkels und die Literaturredakteurin vom Schweizer Fernsehen Nikola Steiner vortrugen, alles andere als leichte Kost. Köhlers Erzählung „Il commandante“ erzählt von einer Frau mit Krebs. Sie hat keine Haare mehr, keinen Darmausgang und ihr Freund lässt sich auch nicht mehr im Krankenhaus blicken. „Gib mir Zeit“ lautete seine letzte SMS. Aber wer weiß schon, wie viel Zeit ihr noch bleibt. Minutiös beschreibt Köhler den unfairen Kampf gegen das Karzinom. Da lernt ihre Heldin einen älteren Mann kennen, der – I am happy to have met you before you died – die Perspektiven noch einmal verschiebt.

          Leider ahnungslos

          Zu gern hätte man bei dieser Erzählung, die im Herbst in Köhlers Debütband „Wir haben Raketen geangelt“ erscheint, eine Jurydiskussion erlebt, so kontrovers ist dieser für Klagenfurt untypische Text im Publikum aufgenommen worden. Die bislang fünf vorgetragenen Wettbewerbtexte haben die Jury dagegen noch nicht zu Höchstform auflaufen lassen, zu blass war das Programm bislang. Olga Flors Romanauszug „Unter Plantanen“ erzählt in einer deutsch-französischen Geschichte, dass auch die Liebe eine Schlachtfeld ist. Gertraud Klemms dreißigminütiger Wutschrei einer Mutter hatte dagegen in seiner Härte und Unversöhnlichkeit durchaus etwas Mitreißendes - „radikal und banal, auf dieser Strecke, das muss man erst mal durchhalten“, wie die Jurorin Daniela Strigl sagte. 

          Die Absolventin des Leipziger Literaturinstituts Kerstin Preiwuß konnte die Jury mit ihrer Geschichte über einen NS-Vater, der auf einer Nerzfarm arbeitet, am Ende nicht überzeugen.  Kontroverser ging es bei Roman Marchels Erzählung über einen Mords aus Mitleid zu. Tobias Sommers Erzählung „Steuerstrafakte“ hatte Erwartungen geweckt, schließlich ist der Autor im Hauptberuf Finanzbeamter in Bad Segeberg. Doch leider teilte er kein Insiderwissen mit, sondern ließ seinen Helden, einen Schriftsteller und armen Schlucker, so ahnungslos beim Finanzamt auftauchen wie wir es auch gemeinhin sind. Morgen geht es weiter in Klagenfurt.

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