Claudio Magris’ Europäische Idee : Wir brauchen mehr rheinischen Kapitalismus
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Der italienische Schriftsteller Claudio Magris auf dem Balkon der Frankfurter Universität Bild: Röth, Frank
Es knirscht im Gebälk der Europäischen Union. Um die Katastrophe abzuwenden, brauchen wir wieder eine größere Treue zum ursprünglichen Kern der europäischen Idee.
Mit Europa ergeht es einem genauso wie dem heiligen Augustinus mit dem Phänomen Zeit: Wenn man nicht darüber nachdenkt, weiß man genau, was es ist. Aber wenn man darüber nachdenkt, weiß man es nicht mehr. Wenn wir Europa nicht bloß als geographischen Begriff verstehen, als politisches Projekt, sondern als Zivilisation, als Daseinsform, als kulturelle Erscheinung, als Zusammengehörigkeit der Menschen jenseits der staatlichen Grenzen - dann ist Europa schwierig zu definieren und vielleicht nur eine rhetorische Floskel.
Man kann dieses Gefühl der Zugehörigkeit und der Heimat jedoch außerhalb des eigenen Staates und der eigenen Sprache sehr wohl leben - so, wie man die Liebe für eine Landschaft oder einen Menschen lebt. Oder man kann davon erzählen, das Gefühl mitteilen, wie dies etwa in einer indirekten Weise die Literatur unternimmt.
Man kann und man muss sogar von den greifbaren Problemen reden, an denen Europa heute leidet. Was ist es, das derzeit den Prozess einer wirklichen Einheit befördert oder behindert? Denn trotz der aktuellen Krise hoffe ich immer noch, dass es uns eines Tages gelingen wird, einen wirklichen Europäischen Staat zu schaffen. Doch vorher müssten wir vom Euro sprechen, von der Arbeitslosigkeit, von der Migration und von der Notwendigkeit gleicher Gesetze und Regeln für alle Länder.
Der individuelle Kern der europäischen Ideen
Die europäische Kultur zu definieren, ist hingegen ein schwieriges, riskantes, geradezu willkürliches Unterfangen. Einige Leitlinien lassen sich vielleicht herausarbeiten. Anders als andere große Zivilisationen, die für die Menschheitsgeschichte grundlegend waren, hat sich Europa seit den Anfängen nie auf eine Totalität staatlicher, politischer, philosophischer, religiöser Art gegründet, sondern immer auf das Individuum und auf die universelle Geltung einiger nicht verhandelbarer Rechte.
Von der Demokratie der griechischen Polis über das stoische und christliche Denken mit dem Konzept der Person, vom römischen Recht und dessen konkreter Befassung mit dem Einzelnen bis zum Humanismus, der daraus das Maß der Dinge macht, vom Liberalismus, der die unantastbaren Freiheitsrechte proklamiert, bis zum Sozialismus, der sich um würdige Lebensverhältnisse sorgt - immer ist der Protagonist der europäischen Zivilisation das Individuum. Literatur und bildende Kunst stellen es in seiner unwiederholbaren und unerschöpflichen Vielgestalt dar. Und Immanuel Kant hat das Individuum als Ziel und niemals als Mittel proklamiert.
Daher wohnt der europäischen Kultur ein großes antiautoritäres Potential inne; sie wurde zur Wiege der Menschenrechte, von universellen Prinzipien, die für alle gelten und damit sogar den eingeschränkten historischen Gesichtskreis überschreiten. Der Horizont Europas und seine Interessen sind wahrhaft universell geworden. Schon Antigone appelliert im griechischen Drama an jene „ungeschriebenen Gesetze der Götter“, die kein positives Staatsrecht verletzen darf.