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Shakespeares Pfeife : Hanf oder nicht Hanf

Wir wissen nur sehr wenig über William Shakespeare. Nicht einmal, ob dieses Cobbe-Portrait, um 1600 herum entstanden, ihn wirklich zeigt. Bild: THE SHAKESPEARE BIRTHPLACE TRUST

Südafrikanische Forscher haben Cannabisreste in vier Pfeifen festgestellt, die man in Shakespeares Garten fand. Der große Dramatiker – ein Kiffer? Wohl nicht, wenn man das alles mal historisch einordnet.

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          Da fand man also ein paar Pfeifen in Shakespeares Garten, guckte mal, was drin war, fand dort Spuren von Cannabis und alle drehen durch: Shakespeare, unser dramatischer Säulenheiliger, Verfasser romantischer Sonnette und tiefexistenzialistischer Königsdramen – ein Kiffer? Hat er das alles etwa unter Drogeneinfluss geschrieben? Muss man das Werk neu bewerten? Will da etwa einer am offiziell verbürgten Geniestatus kratzen? Um Himmels Willen!

          Ganz so dramatisch ist das aber alles nicht. Der Fund wurde schon im Jahr 2001 vermeldet, nun ist die Untersuchung der Tonpfeifen abgeschlossen. Das Ergebnis wurde jetzt im Juli von Professor Francis Thackeray, Paläoanthropologe an der Universität von Witwatersrand, Johannesburg, im South African Journal of Science veröffentlicht. 24 Pfeifen aus Shakespeares Geburtsstadt Stratford stellte der Shakespeare Birthplace Trust den Forschern zur Verfügung, davon zeigten acht Spuren von Cannabis, eine von Nikotin und zwei Pfeifenscherben wiesen Spuren verbrannter peruanischer Kokablätter auf.

          Und das ist jetzt auch alles nicht besonders verwunderlich. Echter Tabak war, wie alle Produkte aus der neuen Welt, teuer. Der Seefahrer Sir Walter Raleigh hatte das Pfeiferauchen einst am elisabethanischen Hof eingeführt, von dort aus verbreitete es sich langsam im Volk, wegen des hohen Preises sehr langsam. Es kam alles in die Pfeife, was irgendwie brannte – im Ideallfall sorgte das für angenehme Gemütszustände. In Shakespeares Zeiten benannte man sämtliche Rauchkräuter als „tobacco“ – wahrscheinlich stammt das Wort vom arabischen „tabbaq“ ab, das ebenfalls recht unspezifisch „Kräuter“ bezeichnet. Es ist also nicht alles Nicotiana tabacum, was sich „Tabak“ nennt.

          Biersuppe zum Frühstück, dann Pegel halten

          Hanfblüten fielen bei der Produktion von Schiffstauen und Stoffsegeln nebenher ab. Bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein war der in Deutschland sogenannte Knaster Tabak der armen Leute – so viel THC, also Rauschwirkstoff, wie der heutige Hanf enthielt er allerdings nicht. Hanf war in erster Linie eine Nutzpflanze zur Fasergewinnung und nicht auf hohen THC-Gehalt gezüchtet. Mehr als einen angenehmen Entspannungszustand dürfte er kaum hervorgerufen haben.

          Allerdings war in früheren Jahrhunderten der Umgang mit Rauschmitteln auch noch deutlich entspannter als heute. In Zeiten, in denen Seuchen wüteten, war es vor allem in den Städten schlichtweg sicherer, Bier oder Wein zu trinken als Wasser. Bis ins 18. Jahrhundert hinein frühstückte man Biersuppe und hielt dann über den Tag hinweg den Pegel.

          Wie es noch hundert Jahre nach Shakespeare in einigen Kreisen Londons zuging, kann man dem Tagebuch des Samuel Pepys entnehmen: Morgens entspannt ausschlafen, kurz im Büro vorbeischauen, mittags in den Pub zwecks Geschäftsgespräch, ordentlich was bechern, kurz noch was arbeiten, dann wieder Kneipe. Bier war das gesunde Volksgetränk für jedermann und jederfrau. Und was wäre Goethe ohne seine zwei, drei Flaschen Wein pro Tag gewesen? Erst im späten 18. Jahrhundert löste der „nüchterne Rausch“ des Kaffees, wie Voltaire ihn beschrieb, die ständige Dauerbeduseltheit ab.

          Neue Feinheit für die Sinne

          Im 19. Jahrhundert wird dann aktiv der Rauschzustand gesucht. „In der Tat erwerben in diesem Stadium des Rausches alle Sinne sich eine neue Feinheit, eine überlegene Schärfe der Wahrnehmung. Geruch, Gesicht, Gehör, Ge­fühl nehmen gleicherweise an diesem Fortschritt teil. Die Augen zielen ins Unend­liche. Das Ohr vernimmt fast nicht wahrnehmbare Töne inmitten des größten Tumultes“, schreibt etwa Charles Baudelaire in „Die künstlichen Paradiese“.

          Und Thomas De Quincey beschreibt in seinen „Confessions of an English Opium Eater“ den im großen und ganzen positiven Effekt, den Laudanum auf sein Leben hatte. Auch Aldous Huxley und Walter Benjamin experimentierten mit Drogen. Die gesamte langsame Musik der sechziger und siebziger Jahre: Drogen. Wie man sich auch dreht und wendet, man bekommt die Kunst nicht drogenfrei.

          Eventuell hat sich Shakespeare also etwas in sein Pfeifchen gestopft, das seit ein paar Jahrzehnten illegal ist, früher aber einmal vollkommen normal war. Vermutlich hat es sein Schaffen nicht sonderlich beeinflusst. Es gibt also eigentlich wirklich keinen Grund zur Aufregung.

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