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Wildwest-Roman : In den Augen verrät sich die Leidenschaft des Tötens

  • -Aktualisiert am

Der Rest von Wildwest: Cowboys und Huftiere in South Dakota Bild: Reuters

John Williams subtiler Campus-Roman „Stoner“ wurde zum Sensationserfolg. In „Butcher’s Crossing“, erstmals 1960 erschienen, schickt er seinen jungen Helden unter die Bisonjäger in den Wilden Westen.

          5 Min.

          Mit dem Schriftsteller John Williams (1922 bis 1994) verbindet sich die spektakulärste postume Wiederentdeckung in der nordamerikanischen Literatur seit Richard Yates. Sein subtiler Campus-Roman „Stoner“ wurde zum internationalen Sensationserfolg. Nun folgt, lang erwartet, ein zweiter Roman in deutscher Übersetzung, der allerdings kühn das Genre wechselt. Nicht um die Versteher feiner Verse geht es hier, sondern um ungewaschene Westmänner. Aber Jagd und Rivalität findet der Mensch schließlich überall.

          In „Stoner“ verlässt ein Farmersohn seine bedrückende Herkunftswelt, studiert Literaturwissenschaft und wird Professor an einem kleinen College. Will Andrews, der Held von „Butcher’s Crossing“, macht genau das Umgekehrte. Einer angesehenen Bostoner Familie entstammend, hat er sein Studium in Harvard abgebrochen, weil er das wahre, wilde, würdige Leben kennenlernen will, draußen in der freien Natur, mit den Ideen von Ralph Waldo Emerson im Kopf.

          In der ersten Szene - man schreibt das Jahr 1873 - erreicht Andrews nach holpernder Kutschenfahrt das Präriekaff Butcher’s Crossing, bestehend aus „wenigen Zelten und schlichten Bretterbuden“. Der Barbier des Örtchens schert sich nicht um Rechtschreibung: „Joe Long, Barbar“ liest sich sein Schild - wenn das keine Verheißung des Wilden Westens ist!

          Vier Männer und tausend Büffel

          Will Andrews wird bei einem Bekannten seines Vaters vorstellig, einem alten Händler von Büffelfellen, der ihn wiederum an ein prächtiges Exemplar von Frontier Man vermittelt: den Bisonjäger Miller. Viel zu tun hat der gerade nicht, denn die rücksichtslose Jagd hat die einst riesigen Bestände der Tiere zum Verschwinden gebracht. Irgendwo da draußen in den Bergen von Colorado soll es aber noch eine gewaltige Herde geben, weiß Miller. Damit noch einmal die romantische große Jagd auf den Weg kommt, geht Andrews in Vorleistung, finanziert die gesamte Ausrüstung mit seinem Vermögen. Und los geht die Reise. Vier Männer suchen tausend Büffel.

          So genau John Williams in „Stoner“ die Machtspielchen und Fachbereichs-Harkereien an einem Provinz-College schildert, so eindringlich werden in „Butcher’s Crossing“ die Weiten von Kansas und Colorado beschrieben. Oder dehydrierte, geschwollene Ochsenzungen. Denn schon auf dem Hinweg droht Millers Unternehmen zu scheitern: Seit Tagen kein Wasser, die Männer halten sich beim Ritt durch die Einöde an Whiskey; für die Zugochsen opfert Miller das letzte Trinkwasser, tränkt damit Tücher und reibt den Tieren die Zungen ab, an denen sie sonst ersticken würden: „Behutsam badete Miller das rauhe, gequollene Fleisch; Hand und Handgelenk steckten tief im Hals des Ochsen.“

          Er ist eine eigenartige, faszinierend ambivalente Gestalt, dieser Miller, die eigentliche Hauptfigur des erstmals 1960 erschienenen Romans. Mit der gleichen, zarten Behutsamkeit kümmert er sich um seinen Begleiter, den zu martialischer Frömmelei neigenden, halb verrückten Charley Hoge, den er einst vor dem Kältetod rettete, wobei er ihm allerdings die frostfaule Hand amputieren musste. Miller hat es mit der Überlegtheit, Sachkenntnis und Präzision getan, mit der er alles in Angriff nimmt - etwa auch die eigenhändige Herstellung der Patronen, die zwei Seiten lang in allen erstaunlichen Details beschrieben wird, wie in „Stoner“ die Fügung eines wohlgelungenen Renaissancegedichts. Millers Instinkt hat nicht getrogen. In einem fernen, versteckten Bergtal stoßen die Männer auf die große Büffelherde - endlich jubelt auch der ewig nörgelnde Häuter Fred Schneider. Miller weiß, dass man zuerst die Leittiere töten muss; wenn die nicht fliehen, bleibt die Herde ruhig. Und er tötet mit solcher Souveränität und Treffsicherheit, dass es den Anschein hat, auch die Tiere gewönnen Zutrauen zu der Prozedur, bei der ein Fleischberg nach dem anderen zusammenbricht, während die anderen weitergrasen.

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