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Buch „Die Moralfalle“ : Die notwendige Folge eines blinden Flecks

Als sei es ein Ressourcenproblem, gleichzeitig gegen Rassismus und für soziale Gerechtigkeit einzutreten: Teilnehmerin der #unteilbar-Demonstration in Berlin. Bild: AFP

Präzise und nachvollziehbar analysiert Bernd Stegemann in „Die Moralfalle“ Defizite der moralischen Kritik linksliberaler Eliten – im Kampf gegen „tatsächliche Ursachen“ gesellschaftlicher Probleme aber geht sich der Autor selbst ins Netz.

          Der weltweite Erfolg rechtspopulistischer Parteien hat auf Seiten der Linken einen Konflikt in den Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung gerückt: Emanzipationsbewegungen und Klassenkampf, Identitätspolitik und Kapitalismuskritik erscheinen zunehmend nicht mehr als Elemente des Engagements für eine gerechtere Gesellschaft, sondern als Positionen, die sich mindestens widersprechen, wenn nicht im Weg stehen. Einwände gegen den Einsatz für die Interessen marginalisierter Gruppen kommen nicht mehr allein von alarmierten Konservativen, die Sprachpolizisten und Denkverbote fürchten, sondern von so unterschiedlich weit links stehenden Autoren wie dem Ideenhistoriker Mark Lilla, der Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser oder den Autoren des Magazins „Jacobin“.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          In Deutschland spaltet dieser Konflikt vor allem die Linkspartei, wie sich erst kürzlich an der unterschiedlichen Interpretation der „Gelbwesten“-Proteste in Frankreich zeigte. Die Kritiker der Identitätspolitik versammeln sich um Sahra Wagenknecht in der Bewegung „Aufstehen“. Als deren Vordenker gilt Bernd Stegemann, Professor an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ und Dramaturg am Berliner Ensemble. Zuletzt hat Stegemann in dem Essay „Das Gespenst des Populismus“ die identitätspolitischen Ambitionen als individualistischen Kampf einer hochmütigen linksliberalen Elite für Partikularinteressen kritisiert – und zwar so heftig, dass man den Eindruck gewinnen musste, er hielte solche emanzipatorischen Debatten für den Hauptgegner linken Denkens.

          In seinem neuen Buch „Die Moralfalle“ versucht er, die theoretischen Paradoxien und strategischen Defizite einer linksliberalen Moral zu entlarven; und kümmert sich dabei wenig um Komplexitäten und Genauigkeit. Moral (oder wie Stegemann sagen würde: „Hypermoral“) ist dabei für den Autor die wichtigste Waffe der Minderheiten in ihrem Kampf um Anerkennung. Ein Instrument, das paradoxerweise an Bedeutung gewonnen hat, obwohl es längst jede Legitimation eingebüßt hat. Von der Tatsache, dass universelle Werte, die eine Unterscheidung in Gut und Böse erst möglich machen würden, an Geltung eingebüßt haben, scheint diese Instanz eher zu profitieren, weil damit auch die Nachfrage nach einfachen Unterscheidungssystemen stieg.

          Moral als Binärsystem

          „Die Moral“, schreibt Stegemann, „ist die doppelte Gewinnerin der Modernisierung: Sie ist ihren Vormund in Gestalt der anspruchsvollen ethischen Theorien losgeworden und sie wird als einfache Lehrmeisterin bei komplizierten Entscheidungen dankbar begrüßt.“ So schaffe sie einen „geschlossenen Zusammenhang, in dem es nur noch moralische Wertung gibt, von der aus jede Kritik als unmoralisch diffamiert wird.“ Die Wirkungsweise der Moral beschreibt Stegemann wie ein binäres Sortierungssystem, das nur Anerkennung und Ablehnung kennt. Für das größte Problem aber hält er die Individualisierung gesellschaftlicher Probleme, welche der Einsatz moralischer Kriterien zur Folge habe: Statt auf „systemische Ursachen zu schauen“ würden strukturelle Fehlentwicklungen dem „verwerflichen Handeln einzelner Akteure zugeschrieben“.

          Untersucht in seinem neuen Buch die Wirkungsweisen der Moral: Autor Bernd Stegemann.

          Damit stehen moralische Imperative für Stegemann zwangsläufig im Einklang mit neoliberalen Maximen, weil sie, anstatt eine politische Korrektur sozialer Ungleichheit anzustreben, die sittliche Selbstoptimierung des Einzelnen forderten. Dass sie sich ihres Konformismus nicht bewusst sind, darin besteht für Stegemann die Falle, auf die er mit seinem Titel verweist. Wie er sich den sozialen Kampf vorstellt, erfährt man kaum, dazu ist er viel zu sehr mit der Zurechtweisung seiner Gegner beschäftigt, einer liberalen „Anywhere-Elite“, welche die Wut und Ressentiments der Unterschichten nicht für eine hilflose Artikulationsform materieller Nöte hält, sondern für charakterliche Defizite, denen sie entweder mit Verachtung oder mit Belehrung begegnet.

          Offenbar stellt sich Stegemann den zeitgemäßen Moralisten wie das Klischee des Bioladenkunden vor, der den Proleten vorwirft, ihr Billigfleisch beim Discounter zu kaufen. Dabei unterstellt er der paternalistischen Moral der kosmopolitischen Kulturlinken nicht nur ein mangelndes Bewusstsein, sondern eine Kooperation mit den Interessen des Neoliberalismus.

          Unterschlagung kritischer Werke aus der Postmoderne

          Und er hat auch einen Schuldigen für diese Entwicklung ausgemacht: die Postmoderne. Die Auflösung der Bindungen an identitäre Kategorien, die Zweifel an „großen Erzählungen“, die Relativierung sämtlicher Wahrheiten, die Zersplitterung der Gesellschaft: all diese Elemente postmodernen Denkens hätten das ideologische Fundament für eine Politik der Flexibilisierung und des Individualismus bereitet. „Schon die ersten Theoretiker der Postmoderne“, schreibt Stegemann, „haben nicht nur behauptet, dass es keine Zusammenhänge mehr gebe, sondern sie haben zugleich gefordert, dass es keine Zusammenhänge mehr geben dürfe. (...) Aus einer Theorie, die versucht, die Fragmentierung der Welt zu analysieren, wurde eine politisch-ideologische Aussage, die die Zersplitterung verlangt.“ Dass sich nirgends so viele Texte finden lassen, die die von Stegemann bedauerte Dynamik kritisch analysieren, wie unter dem Label „Postmoderne“, unterschlägt er.

          Bernd Stegemann: „Die Moralfalle“. Für eine Befreiung linker Politik. Matthes
& Seitz Verlag, Berlin 2018. 205 S.,br.,18,–€.

          Aus dem Bündnis der beiden unterschiedlichen Kräfte sei entstanden, was er mit Nancy Fraser den „progressiven Neoliberalismus“ nennt: eine Allianz zwischen sozialen Bewegungen wie Feminismus und Antirassismus und dem postindustriellen Teil der Wirtschaft, als jenen „tonangebenden“ Unternehmen aus dem Silicon Valley oder von der Wall Street, die längst an vorderster Front gegen Diskriminierung antreten. Auch Fraser weist auf die Bedeutung des symbolischen Kapitals hin, welches die progressiven Kräfte zur Verfügung stellten, „eine emanzipatorische Fassade, die als Alibi für die Raubzüge des Kapitals diente“, wie sie in einem Interview mit dem „Philosophie Magazin“ sagte. Die Anerkennungspolitik will sie nicht zugunsten der Umverteilung opfern: „Versuche, soziale Ungerechtigkeiten hintanzustellen, gehen genauso fehl wie Versuche, Ungerechtigkeiten in puncto Ethnizität hintanzustellen. Keine dieser Ungerechtigkeiten kann für sich alleine überwunden werden.“

          Stegemann dagegen scheint es für notwendig zu halten, Prioritäten zu setzen, als sei es ein Ressourcenproblem, gleichzeitig gegen Rassismus und für soziale Gerechtigkeit einzutreten; als sei eine Kategorie wie Rasse nicht immer schon mit einer Zuschreibung einer Klasse verbunden. Am deutlichsten wird das in seiner migrationskritischen Haltung, für die auch die „Aufstehen“-Bewegung mittlerweile bekannt ist. Statt beim nach rechts wandernden Prekariat für Solidarität mit anderen „Abgehängten“ zu werben, möchte Stegemann lieber den deutschen Sozialstaat an seinen Grenzen vor der Globalisierung verteidigen, zur Not gegen deren Opfer aus anderen Ländern.

          Es mag strategisch unklug sein, jeden Migrationskritiker als Rassisten zu beschimpfen. Aber die Vorstellung, dass manche Menschen, schon aus ökonomischen Gründen, nicht in der Lage sind, offen auf Fremde zuzugehen, ist nicht weniger paternalistisch. Solange er die Defizite der moralischen Kritik analysiert, ihre individualistische Stoßrichtung und ihre Blindheit für den politischen Kontext, bleibt Stegemanns Buch präzise und nachvollziehbar. Aber im Kampf gegen die Phantome der „Heuchler und schönen Seelen“ geht er sich am Ende selbst in die Falle. Eine „Vorliebe für Sündenböcke“, schreibt er, sei die „notwendige Folge des blinden Flecks“. Insofern ist es fraglich, ob man den Kampf gegen die „tatsächlichen Ursachen“ gesellschaftlicher Probleme gewinnt, indem man linksliberalen Moralisten ihre Haltungsschwächen nachweist.

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