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Buch „Die Moralfalle“ : Die notwendige Folge eines blinden Flecks

Offenbar stellt sich Stegemann den zeitgemäßen Moralisten wie das Klischee des Bioladenkunden vor, der den Proleten vorwirft, ihr Billigfleisch beim Discounter zu kaufen. Dabei unterstellt er der paternalistischen Moral der kosmopolitischen Kulturlinken nicht nur ein mangelndes Bewusstsein, sondern eine Kooperation mit den Interessen des Neoliberalismus.

Unterschlagung kritischer Werke aus der Postmoderne

Und er hat auch einen Schuldigen für diese Entwicklung ausgemacht: die Postmoderne. Die Auflösung der Bindungen an identitäre Kategorien, die Zweifel an „großen Erzählungen“, die Relativierung sämtlicher Wahrheiten, die Zersplitterung der Gesellschaft: all diese Elemente postmodernen Denkens hätten das ideologische Fundament für eine Politik der Flexibilisierung und des Individualismus bereitet. „Schon die ersten Theoretiker der Postmoderne“, schreibt Stegemann, „haben nicht nur behauptet, dass es keine Zusammenhänge mehr gebe, sondern sie haben zugleich gefordert, dass es keine Zusammenhänge mehr geben dürfe. (...) Aus einer Theorie, die versucht, die Fragmentierung der Welt zu analysieren, wurde eine politisch-ideologische Aussage, die die Zersplitterung verlangt.“ Dass sich nirgends so viele Texte finden lassen, die die von Stegemann bedauerte Dynamik kritisch analysieren, wie unter dem Label „Postmoderne“, unterschlägt er.

Bernd Stegemann: „Die Moralfalle“. Für eine Befreiung linker Politik. Matthes
& Seitz Verlag, Berlin 2018. 205 S.,br.,18,–€.

Aus dem Bündnis der beiden unterschiedlichen Kräfte sei entstanden, was er mit Nancy Fraser den „progressiven Neoliberalismus“ nennt: eine Allianz zwischen sozialen Bewegungen wie Feminismus und Antirassismus und dem postindustriellen Teil der Wirtschaft, als jenen „tonangebenden“ Unternehmen aus dem Silicon Valley oder von der Wall Street, die längst an vorderster Front gegen Diskriminierung antreten. Auch Fraser weist auf die Bedeutung des symbolischen Kapitals hin, welches die progressiven Kräfte zur Verfügung stellten, „eine emanzipatorische Fassade, die als Alibi für die Raubzüge des Kapitals diente“, wie sie in einem Interview mit dem „Philosophie Magazin“ sagte. Die Anerkennungspolitik will sie nicht zugunsten der Umverteilung opfern: „Versuche, soziale Ungerechtigkeiten hintanzustellen, gehen genauso fehl wie Versuche, Ungerechtigkeiten in puncto Ethnizität hintanzustellen. Keine dieser Ungerechtigkeiten kann für sich alleine überwunden werden.“

Stegemann dagegen scheint es für notwendig zu halten, Prioritäten zu setzen, als sei es ein Ressourcenproblem, gleichzeitig gegen Rassismus und für soziale Gerechtigkeit einzutreten; als sei eine Kategorie wie Rasse nicht immer schon mit einer Zuschreibung einer Klasse verbunden. Am deutlichsten wird das in seiner migrationskritischen Haltung, für die auch die „Aufstehen“-Bewegung mittlerweile bekannt ist. Statt beim nach rechts wandernden Prekariat für Solidarität mit anderen „Abgehängten“ zu werben, möchte Stegemann lieber den deutschen Sozialstaat an seinen Grenzen vor der Globalisierung verteidigen, zur Not gegen deren Opfer aus anderen Ländern.

Es mag strategisch unklug sein, jeden Migrationskritiker als Rassisten zu beschimpfen. Aber die Vorstellung, dass manche Menschen, schon aus ökonomischen Gründen, nicht in der Lage sind, offen auf Fremde zuzugehen, ist nicht weniger paternalistisch. Solange er die Defizite der moralischen Kritik analysiert, ihre individualistische Stoßrichtung und ihre Blindheit für den politischen Kontext, bleibt Stegemanns Buch präzise und nachvollziehbar. Aber im Kampf gegen die Phantome der „Heuchler und schönen Seelen“ geht er sich am Ende selbst in die Falle. Eine „Vorliebe für Sündenböcke“, schreibt er, sei die „notwendige Folge des blinden Flecks“. Insofern ist es fraglich, ob man den Kampf gegen die „tatsächlichen Ursachen“ gesellschaftlicher Probleme gewinnt, indem man linksliberalen Moralisten ihre Haltungsschwächen nachweist.

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