https://www.faz.net/-gqz-abqr2

Uzannes „Das Ende der Bücher“ : Oh, dieser Sprecher hat eine so eindringliche Stimme

  • -Aktualisiert am

Schüler experimentieren 1893 in Chicago mit dem Edison Phonograph, indem sie ihre Stimmen aufnehmen. Bild: United Archives/WHA

Worin liegt der Reiz retrofuturistischer Utopien? Jahrzehnte, bevor das Radio auf Sendung ging, entwarf der Schriftsteller Octave Uzanne das Bild einer hörenden Gesellschaft.

          3 Min.

          Eine kluge Herrenrunde sitzt da beieinander an einem Freitagabend im Jahr 1892, als die Moderne gerade so richtig auf Touren kommt und Zukunftsvisionen entfesselt. Reihum werden die eben noch fantastisch anmutenden, demnächst aber vielleicht schon ganz alltäglich erscheinenden Umwälzungen des Lebens besprochen. Nahrung aus dem chemischen Labor werde es geben, Kügelchen und Pulver, meint der Vegetarier in der Runde.

          Die realistische Malerei werde „verhungern“ dank der Fotografie, prognostiziert der Kunstkenner und plädiert nebenbei dafür, die Künste „systematisch zu entmutigen“, um der mediokren Massenproduktion vorzubeugen. Ab und zu mal ein Museum niederbrennen – das sei der einzige Weg, die wahre Kunst zu schützen. Dieser Bilderstürmer sagt dann noch die Farbakkorde der abstrakten Malerei voraus. Sogar Kino und Fernsehen werden in der Runde schon ins Auge gefasst.

          Wirklich verblüffend aber wird der 1894 veröffentlichte Essay, als der Bücherfreund in der Runde ansetzt, die Zukunft seines Lieblingsmediums auszumalen. Mit der üblichen humanistischen Verklärung des Buchdrucks und des Lesens hat der launige Mann nichts im Sinn. Gedrucktes strenge Auge und Körper an; insbesondere die Lektüre einer Zeitung erfordere eine „gewisse Geschicklichkeit beim Umblättern der Seiten und überanstrengt unsere Spannmuskulatur, wenn wir die Blätter weit geöffnet halten müssen“. Und dann prophezeit er, dass die Gutenberg-Galaxis in Kürze kollabieren und das Hörbuch-Universum gebären werde. Wer will da noch Leser sein, wenn es bald ein großes Angebot an Hörmaschinen gibt? Dank neuer „Aufnahmezylinder“ werden die im modernen Alltag überstrapazierten Augen endlich durch die Ohren entlastet. Die Menschen genießen auf dem Sofa mit „erfrischten Gesichtern“ die „erstaunlichen Abenteuer, die ihnen die Zylinder zu Gehör bringen“.

          Uzanne träumte davon, was heute Wirklichkeit ist

          Die fortschreitende Technik werde schnell zur Verkleinerung der Hör-Geräte auf Westentaschenformat führen, und die Menschen würden ihnen beim Spazierengehen oder Sporteln lauschen können: „Die glücklichen Hörer werden das unbeschreibliche Vergnügen haben, gleichzeitig Muskeln und Geist zu nähren.“ Für die Bedürfnisse des Volkes wird es an jeder Straßenecke Literaturversorgungsstellen mit Hörschläuchen geben.

          Hellsichtig entwirft Octave Uzanne (1851 bis 1931) das Bild einer hörenden Gesellschaft – Jahrzehnte bevor die ersten Radiostationen auf Sendung gingen. Vor allem aber denkt er bei seiner Hörbuch-Utopie auch an die Veränderungen von Form und Inhalt, die mit dem prophezeiten Medienwandel einhergehen. Die Schriftsteller werden wieder zu Erzählern, der Stil werde sich der Hörbarkeit zuliebe vereinfachen. „Wortdrechsler“ würden nur noch eine „winzige Zuhörerschaft“ finden. Die Sprechkunst dagegen werde sich in erstaunlichem Maß entwickeln. „Autoren ohne Gespür für den schönen Vortrag und die dafür nötige Satzmelodik werden die Hilfe von Auftragsrednern und Schauspielern in Anspruch nehmen müssen.“

          Octave Uzanne war ein dandyhafter Mensch mit zahlreichen Widersprüchen: ein bisschen reaktionär und zugleich ein Fan der neuesten Medientechnik, misogyn mit Sympathien für die Frauenemanzipation, ein Mann, der sich von Texten (eher männlich) und Textilien (eher weiblich) erregen ließ. Und ein Bibliophiler, der sich lustvoll das „Ende des Buches“ ausmalte. Um reinen Masochismus handelt es sich dabei aber nicht, denn der Redner seines Essays äußert sich auch verächtlich über das Buch als Massenkultur: alljährlich Hunderttausende neue Schwarten, in denen meist nur Vorurteile, Irrtümer, Hirngespinste zu lesen sind! Mit dieser Papierverschwendung ist Schluss nach dem „Ende der Bücher“; dann würden nur noch wenige erlesene Werke in Druck gehen.

          Wissen war nie wertvoller

          Sichern Sie sich mit F+ 30 Tage lang kostenfreien Zugriff zu allen Artikeln auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Octave Uzanne war selbst ein Herausgeber limitierter Schmuckausgaben. Mögen die Massen fortan an ihren Hörschläuchen hängen. Auch über die Koryphäen der kommenden Hörkultur macht sich der Bücherfreund ja ein bisschen lustig: „Die Damen werden über einen Erfolgsautor nicht mehr sagen: Ich liebe seine Art zu schreiben. Sondern seufzen: Oh, dieser Sprecher hat eine so eindringliche Stimme. Sie bezaubert und berührt. Seine tiefen Töne sind himmlisch. Er ist ein unvergleichlicher Ohrenschmeichler.“

          Wunderbar, wie fein säuselnd der Sprecher Friedhelm Ptok diese Suada liest. Seine siebenundachtzig Jahre hört man seinen elastischen Stimmbändern überhaupt nicht an; auch er ist mit seinem warmen Ton ein Ohrenschmeichler, der den Esprit des Essays bestens zur Geltung bringt. Eine angenehme Stimme hat auch der Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch, der auf der zweiten CD den Essay kommentiert und dabei weit ausholt, von Goethes „Wahlverwandtschaften“, wo die Figuren bereits einen Überdruss an den hergebrachten Medien artikulieren, bis zu den Thesen Friedrich Kittlers, wonach neue Medien umgewandelte Kriegstechnik seien.

          Klein, aber Oho

          Aber worin liegt nun der Reiz solcher alt gewordenen Utopien? Die kühnsten Prognosen von einst, selbst wenn sie zutreffend waren, haben heute ja doch ihren Drive eingebüßt, weil sie uns nichts Neues mehr sagen. Bleibt also nichts außer dem Staunen über den Weitblick des Autors? So einfach ist es nicht. Der subtile retrofuturistische Reiz dieser Hör-Utopie liegt gerade in der Mischung aus Hellsicht und Tasten in der Dunkelheit, aus kühn Vorausgedachtem und den skurrilen Details, die niemals umgesetzt wurden. So entsteht eine Welt im Zerrspiegel; eine komische Mischung aus Verfremdeten und Wiedererkennbarem.

          Dazu passt, dass der Bücherfreund keine bierernste Zukunftsforschung betreiben, sondern die Zuhörer mit seiner Stegreifrede nur ein bisschen erheitern und provozieren will. Er erntet denn auch viel erstauntes „Oho“, das von Friedhelm Ptok gravitätisch amüsiert in verschiedenen Tonlagen vorgeführt wird. Erst recht für dieses Hörbuch-Hörbuch gilt: klein, aber oho.

          Weitere Themen

          Ich will nie wieder nach draußen

          Komiker Bo Burnham : Ich will nie wieder nach draußen

          Bo Burnham lockt uns auf Netflix in seinen Kaninchenbau, klaustrophobisch und kreativ. Damit kommt er genau zur richtigen Zeit. Mitten im Lockdown hätten wir das schwer ertragen.

          Topmeldungen

          Erstmals dabei: Der peruanische Skateboarder Angelo Caro.

          Premieren in Tokio : Das sind die fünf neuen Olympia-Sportarten

          Aus 28 werden auf einmal 33: Bei den Olympischen Spielen in Tokio sind in diesem Jahr fünf neue Sportarten dabei – nicht alle werden olympisch bleiben. Ein Überblick über die Premieren in Japan.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.