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Mekas’ New-York-Tagebücher : Der geheime Name der Stadt: Ausharren

Jonas Mekas, immer auf dem Sprung: Schwerkraft ist Anziehung, aber Kunst, die sich ihr hingibt, will sie stets auch aufheben. Bild: B3 Biennale des bewegten Bildes

In Bildern und Berichten entsteht gerade eine neue Version New Yorks. Erstaunlich nah an einem älteren Bild, das man in den experimentellen New Yorker Tagebüchern des Filmemachers und Autors Jonas Mekas wiederentdecken kann.

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          „Shoot the gloom.“ Schieß auf die Düsternis. So steht es unter dem Datum 29. April 1965 im Tagebuch von Jonas Mekas. Um die Düsternis zu vertreiben, wollte er vom Fenster auf die Straße schießen. Mekas war kein ganz Fremder mehr, als er dies schrieb, aber einer, dem immer Geld fehlte. Noch heute gilt, dass es kaum eine Stadt gibt, in der das Leben ohne Geld schwieriger ist als in New York.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          New York ist eine der reichsten Städte der Welt, aber im Augenblick bedeutet das nicht viel. Fast gar nichts, wenn es um die Allgemeinheit geht. Soziale Ungleichheit und Rassismus liegen offen zutage, wenn man auf die Bahnsteige, in die Subway und auf die Sterbestatistik schaut.

          New York, der Sehnsuchtsort nicht allein für Milliardäre, die hier ihr Geld machen und parken, sondern immer noch auch für Kreative, Künstler, Romantiker – es gehört im Augenblick ganz denen, die ausharren, immer schon ausgeharrt haben. Viele von ihnen kamen von anderswoher. Viele ohne Geld, immer noch.

          Auch in New York trösten sich die Menschen in diesen Wochen damit, dass sie sich um sieben Uhr abends an die geöffneten Fenster, auf Balkone und Dachgärten stellen und jenen applaudieren, die für die Erkrankten sorgen und die Gesunden mit allem beliefern, was sie brauchen, und später abtransportieren, was an Müll übrig bleibt.

          Nur keine Visionen, die Wirklichkeit ist faszinierend genug

          Manche von denen, die da klatschen, versuchen, Hoffnung zu verbreiten, und werden dabei ein wenig sentimental, wie Janet Malcolm etwa vom „New Yorker“, die von ihrem Dach aus einen Regenbogen über der ausgestorbenen vor ihr liegenden Stadt fotografiert hat. Auch in New York trösten sich die Menschen damit, dass sie in Krisen immer besonders schnell und selbstorganisiert Gutes tun, wie nach dem 11. September 2001 und dem Hurrikan Sandy 2012 – etwa dass einer, der es sich leisten kann, hundert Essen in einem Restaurant bestellt, das hatte schließen müssen, um hundert Obdachlose im Freien zu bewirten. Das ist das Bild, das die New Yorker von sich haben. Widerstandsfähig. Katastrophen gewachsen. Und auch: Nicht wirklich dem Land zugehörig, das in ihren Pässen steht und das sie in Krisen oft alleinlässt. Darin vor allem gleichen sich die Bilder und Selbstbilder dieser Stadt über die Generationen und Katastrophen hinweg.

          Jede Generation erfindet die Stadt neu, solange es dafür noch Raum gibt, vor allem für die Phantasie. Im Augenblick gibt es diesen Raum nicht, dazu sind die Bilder der Lazarette in den Parks zu überwältigend wie auch die Kamerafahrten durch die leeren Straßen, an den für niemanden blinkenden Reklamewänden vorbei, die Bilder der vermummten Helfer, der Kühllaster für die Toten und der verzweifelten Gesichter derer, die schließlich vor den Kameras stehen und Auskünfte geben, die mit dieser Stadt noch vor sechs Wochen nicht kompatibel schienen. Als liege sie irgendwo in einer Weltregion, die früher häufiger die Dritte Welt genannt wurde.

          Wie wirkte die Stadt auf einen, der nach dem Zweiten Weltkrieg, nach Flucht, Zwangsarbeit und displaced persons camp hier ankam, 1949, ohne Geld, ohne Kontakte, ein Dichter, ein Denker, ein Bauer aus Litauen? Jonas Mekas kam mit seinem Bruder Adolfas mit dem Schiff und eigentlich mit Ziel Chicago. Aber die beiden stiegen in New York aus und blieben. Das New York, das sie kennenlernten, indem sie es zu Fuß durchstreiften, hat Mekas mit all seinen Sinnen aufgesogen, verarbeitet und gefilmt, während es vorüberzog. Und er hat es in seinen Tagebüchern beschrieben und zu fassen versucht. Ein erster Band, herausgegeben von Anne König, kam jetzt bei Spector Books heraus: „I Seem to Live. The New York Diaries 1950 – 1969. Vol, 1“. Schreiben, das zeigt dieser herrliche Band, war für Jonas Mekas im selben Maße wie das Filmemachen untrennbar mit ihm verbunden: kein Akt, sondern Teil seiner Existenz.

          Eine Performance voller Verzweiflung, Einsamkeit, Frustration

          Auch, weil er in den New Yorkern so viel deutlicher die Amerikaner als solche sah, von deren Allgemeinbegriff sie sich gern distanzieren, blieb Jonas Mekas ein Fremder. Eine Anekdote vom November 1959 macht das deutlich: Eines Tages kommt er mit seinem Bruder Adolfas in das Büro eines Freundes. Einer von ihnen hat ein Fläschchen mit Mescal dabei. „Trink das nicht“, ruft die Sekretärin erschrocken, „das ist gefährlich! Du wirst Visionen haben, Bilder sehen!“ Diese Frau saß vor drei Jahren schon hier, denkt Mekas, und vor zwei und heute immer noch, und jetzt könnte sie Bilder sehen, Visionen haben, und sie ruft: Nein? Kann man tiefer in die Alltäglichkeit fallen? Einmal aus dem Paradies vertrieben und nie zurückschauen?

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