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Mekas’ New-York-Tagebücher : Der geheime Name der Stadt: Ausharren

Jonas Mekas im Jahr 2015
Jonas Mekas im Jahr 2015 : Bild: Kai Nedden

Jonas Mekas, einer der einzigartigen Zeugen des zwanzigsten Jahrhunderts (er wurde am 24. Dezember 1922 in Litauen geboren und starb im Januar 2019 in New York), hat in seinen Tagebüchern zwischen 1950 und 2011 ununterbrochen aufgezeichnet, was er sah, was er las, dachte, manchmal auch, woran er sich erinnerte, und fast immer, wen er traf. Er hat die Aufzeichnungen noch zu Lebzeiten nicht nur in eine Ordnung gebracht, sondern hat sie um Bildmaterial, Fotos, Quittungen, Ausweisdokumente, Listen, Zeichnungen ergänzt.

Alles in allem, so schreibt die Herausgeberin seiner Werke, Anne König, waren es mehr als zweitausend Seiten, die sie im Jahr 2016 elektronisch erreichten. Der Leipziger Verlag Spector Books, wo bereits die Autobiographie erschienen war („I Had Nowhere to Go“), verspricht mit dem Titelzusatz „Vol. 1“ eine Fortsetzung.

Dieser Band ist ein phantastisches Scrapbook geworden – mehr als 800 Seiten voller Witz und Weisheit gepaart mit unerwarteten Fotos, Zeitungsausschnitten oder Kinolisten, Eintrittskarten, Briefkopien. Ganze Unterhaltungen hat Jonas transkribiert, wenn es wichtig war. Im Dezember 1954 etwa besucht er mit einer Freundin eine Tanzperformance zu Alban Bergs „Lyrischer Suite“, choreographiert von Anna Sokolow. Es ist eine Performance voller Verzweiflung, Einsamkeit, Frustration. Die Menschen auf der Bühne wehren sich nicht gegen ihr schreckliches Schicksal. „Mir fielen Dutzende experimentelle Künstler und Filme von jungen Künstlern ein, diese verzweifelten, traurigen Filme“, schreibt Mekas.

Hier wohnen ästhetische Ideen, die auch heute noch eine Zukunft haben

Aber dann folgt er einem Gedanken, der ihn herausführt aus dieser Welt voller Verzweiflung, die er fraglos für real hält, und für wahr: „Was zählt“, schreibt er, „ist doch: Was machen wir daraus? Wie handeln wir, wenn wir einmal die Wahrheit erkannt haben?“ Auf der Seite neben diesen grübelnden Überlegungen zur Verantwortung der Kunst und des Künstlers hat er ein Foto plaziert, auf dem Marilyn Monroe mit Arthur Miller bei den Dreharbeiten zu „The Misfits“ tanzt.

Arthur Miller sieht darauf aus wie ein Spaßvogel, mit Schiebermütze und in Groucho-Marx-Haltung. Doch das war gar nicht 1954, sondern sechs Jahre später. Aber zwei Wochen vor dem Alban-Berg-Abend hatte Mekas Miller besucht und (vergeblich) um Geld für sein Filmmagazin „Film Culture“ gebeten und bei dieser Gelegenheit offenbar einer ausführlichen Klage über die „Leere“ der Stücke am Broadway zugehört.

Alle paar Monate unterzog Mekas sein Leben und seine Arbeit einer gründlichen Revision mit dem Ziel, die Richtung zu wechseln. Am 11. August 1960 schreibt er zum Beispiel: „Was ich idealerweise mit meinem Film erreichen will: die Regierung auszuhebeln. Alle Regierungen. Damit wir vom Anfang noch mal beginnen können. Das ist ein Ziel so gut wie jedes andere.“ Der Film hieß „Guns of the Trees“, und die Regierung hat er nicht gestürzt. Stattdessen gründete Jonas mit Adolfas zusammen die Anthology Film Archives, ein Zentrum der Avantgarde und bis heute ihr Hüter.

Welche Ideen hatte er für die Stadt, die es ihm leicht nur insofern machte, als sie ihn sein Leben leben ließ und durch den unablässigen Strom anderer Künstler, Revolutionäre und Träumer dafür sorgte, dass er Gesellschaft hatte? Die Stadt, in der er über Jahrzehnte mit seiner Kamera und in seinen Tagebüchern Augenblicke aufzeichnete, die vorüberglitten, einmalig, lebendig, ungestellt?

Der schönste Einfall ist vielleicht dieser: für die New Yorker Arthouse-Kinos eine Serie von fünfminütigen Kurzfilmen zu drehen, Porträts von Dichtern, Malern, Schriftstellern, von Plätzen und Menschen, von „Cafés, Nachtwächtern, Zeitungsleuten etc. etc. – kurze Gedichte über New York“. Es war nicht allein eine poetische, sondern auch eine Geschäftsidee, eine von zahllosen, deren Spur sich verliert. Vielleicht findet sich heute einer, der sie aufliest, wie Mekas das mit allem tat, das ihm begegnete, und entwirft für die Zukunft noch einmal ein neues Bild der Stadt.

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