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Entstehung eines Romans : Making of Gegenwartsliteratur

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Einsame Schriftsteller an Schreibmaschinen: So wie bei Wilhelm Genazino läuft es heute in der Regel nicht mehr. Bild: Frank Röth

Diese Studie ist im alltäglichen Schlamassel verankert: Mit der ersten Totalgeschichte eines Romans nimmt die Literatursoziologie nach langer Pause wieder Theoriefahrt auf.

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          Wie kommen Bücher in die Welt? Wie werden sie in Berlin, Paris, London, New York, Buenos Aires oder Hongkong ausgetragen und geboren? Wir wissen darüber erstaunlich wenig. Natürlich: Die neuen Bücher werden nicht vom Storch gebracht. Von wem aber sonst? Von den Autoren? Der Agentin? Dem Lektor? Der Verlegerin? Dem Buchhändler? Der Literaturkritikerin? In den großen deutschsprachigen Zeitungen galt lange die Regel, ein Buch existiere erst dann, wenn es im hauseigenen Feuilleton besprochen worden ist. Oder bringen alle diese Personen Bücher gemeinsam auf die Welt? Das wäre ein recht merkwürdiger kollektiver Zeugungsakt, bei dem die diversen Eltern meistens abwesend wären und häufig nicht einmal Kenntnis voneinander nehmen würden.

          Endlich liegt mit „Under the Cover“ eine literatursoziologische Studie vor, die hierauf Antworten gibt und erstmals versucht, die soziologische Totalgeschichte eines Buches zu schreiben: Von der ersten Idee für den Plot bis zur ersten Rezeption des Romans in Buchclubs. Sie heißt „Under the Cover – The Creation, Production, and Reception of a Novel“. Clayton Childress, ihr in Toronto Soziologie lehrender Autor, hat seine wegweisende Biographie eines Buchs nicht als retrospektive Geschichte konzipiert, sondern als teilnehmende Beobachtung. Er hat viele Monate mit Autoren, Agentinnen, Lektoren, Verlegerinnen und Buchhändlerinnen verbracht, hat an ihren repetitiven Routinen teilgenommen und ihre Gespräche verfolgt. Seine Studie ist im alltäglichen Schlamassel verankert.

          Ein Familiengeheimnis im Mittelpunkt

          Der Roman, dessen Biographie von Childress begleitet wird, stammt von der amerikanischen Autorin Cornelia Nixon und heißt „Jarrettsville“. Er erschien 2009. Als thematischen Kern des Romans wählte Nixon ein gut gehütetes Familiengeheimnis: Jarrettsville, eine Ortschaft in Maryland, hatte es 1869 auf die Titelseite der „New York Times“ gebracht. Es ging um eine tragische Geschichte, die sich um Martha Jane Cairnes drehte. Diese Vorfahrin von Nixon gehörte einer Familie an, die im amerikanischen Bürgerkrieg die Südstaaten unterstützt hatte.

          Im Anschluss an den Bürgerkrieg hatte sie eine romantische Affäre mit dem zuvor für die Nordstaaten kämpfenden Nicholas McComas. Cairnes wurde schwanger, und McComas verließ abrupt die Stadt. Als er vier Monate nach der Geburt des Kindes zurückkehrte, um an einem Siegesfest der Nordstaaten teilzunehmen, wurde er bei den öffentlichen Feierlichkeiten von seiner ehemaligen Geliebten mit vier Revolverschüssen aus nächster Nähe getötet. Die „New York Times“ berichtete über das Gerichtsverfahren, in dem Cairnes von der Jury überraschenderweise freigesprochen wurde – mit der Begründung, es handele sich um eine gerechtfertigte Tötung („justifiable homicide“).

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