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Ukraine in Weimar : Widerstandskraft aus dem Bücherkubus

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Brück auch für die Familien: Der ukrainischen Literaturwissenschaftler Andrej Kransnjaschtschich hat seine Tochter mit nach Weimar gebracht. Bild: Mila Pavan

Was die sogenannten Aschebücher lehren: Das deutsch-ukrainische Schriftstellerprojekt „Eine Brücke aus Papier“ tagt in der Anna-Amalia-Bibliothek.

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          Er kommt ungebeten und lässt sich kaum niederringen: Ein Moment der kollektiven Rührung erfasst die deutsch-ukrainische „Brücke aus Papier“ gegen Ende ihres Treffens im Bücherkubus der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar. Der emeritierte Osteuropa-Historiker Karl Schlögel ist einer der intellektuellen Mentoren dieser binationalen Schriftstellerbegegnungen, die Verena Nolte nach der widerrecht­lichen russischen Annexion der Krim 2014 ins Leben gerufen hatte. Schlögel legt sein Manuskript zum Thema „Wie von einem Blitzstrahl erhellt – Deutsche Szene nach dem 24. Februar 2022“ kurzerhand beiseite. Er fragt sich und die Anwesenden, wie man Worte für etwas finden könne, für das einem „Gott sei Dank“ die Erfahrung fehle: das unmittelbare Erleben des Krieges. Am Vorabend hatte die der Hölle von Mariupol entflohene Autorin Oksana Stomina er­schütternde Verse über ihre Heimatstadt verlesen, während vor der Phalanx der Buchrücken auf zwei Fotos das Gesicht ihres Mannes Dima aufschien – lächelnd im Frieden und daneben erschreckend ausgezehrt auf einer Aufnahme aus dem russischen Gefangenenlager. Seit Mai hat Stomina keinen Kontakt mehr zu ihrem Mann, der im Asow-Stahlwerk kämpfte.

          Es gehe um „Rationalisierungsversuche, während wir der Unordnung und dem, was auf uns zukommt, gar nicht gewachsen sind“, meint Schlögel pessimistisch. „Die Ukraine hat für die meisten Deutschen, auch die gebildeten Stände, nicht existiert“, bekennt er durchaus selbstkritisch. Sie sei als Peripherie, als riesiges Durchreiseland auf dem Weg nach Moskau behandelt worden: „Und es ist grauenhaft, dass der Krieg und mit ihm die Zerstörung nötig ist, um die Landkarte in unseren Köpfen zu ändern.“ Insbesondere der geistigen „Hoch­ebene“ wirft er ihre im­periale Fixierung auf Russland vor, Arroganz gepaart mit Unkenntnis. Diese Haltung stehe in Kontrast zur spontanen Hilfsbereitschaft der deutschen Bevölkerung, die Gerechtigkeitssinn offenbare und Hoffnung mache.

          Die Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Chrystyna Nazarkewytsch sprach Schlögel im Nahmen ihrer Landsleute Dank aus. Man kennt sich nicht zu­letzt vom Treffen in Mariupol im August 2018, als die Lembergerin ihre Übersetzung von Natascha Wodins Roman „Sie kam aus Mariupol“ in einer Liveschaltung mit der Autorin vorstellte – und alle ge­meinsam am Strand standen, im Hintergrund das riesige, die Atmosphäre verpestende und nun ikonische Stahlwerk. Serhij Zhadan organisierte damals Fahrten an die noch inoffizielle, doch schon be­drohlich nahe Front. Und der begnadete Satiriker Oleksandr Irwanez adressierte im mittlerweile vernichteten Kulturinstitut eine Hom­­mage an „die Stadt der Würde: das unglaubliche Mariupol“.

          Wenn ein Diktator zur Spottfigur wird

          In Weimar trägt Irwanez jetzt Sottisen gegen „das Putin“ vor, das sich, vom Westen unbemerkt, überall in der russischen Kultur eingenistet habe: „Im Rollstuhl in der berühmten Treppenszene von Odessa / Und das heulende Putinbaby quengelt / Als Reiher zieht das geflügelte Putin seine Kreise / Mit einem Palmenzweig aus Cannes im Schnabel.“ Übertragen hat die bissigen Verse Alexander Kratochvil. In seinem Vortrag „Übersetzen in Zeiten des Krieges“ betont er, dass Empathie mit der Ukraine nicht genüge, wenn es an Kenntnis fehle. Diese kann eine Literatur vermitteln, die traditionell als „kleinrussisch“ abgetan wurde, als Bestandteil der sogenannten multinationalen Sowjetliteratur.

          Der Krieg hat sich in die Gesichter ge­graben und die Züge verhärtet. Natalya Ku­labucha, eine der bewährten Dolmetscherinnen, hat einen mehrmonatigen Einsatz als Sanitäterin hinter sich. Der Lemberger homme de lettre und Psychoanalytiker Jurko Prochasko hatte einst Verena Nolte bei der Namensgebung für ihr Projekt in­spiriert, das vor dem Krieg noch nicht allzu viel mediale Beachtung fand. Der Name stammt von Manès Sperber: „Plötzlich werde es eine zweite Brücke geben, nicht aus Eisen, nicht aus Stein, nicht einmal aus Holz. Nein, aus Papier, jawohl: aus Zigarettenpapier.“ Prochasko, der sein Land im Krieg nicht verlassen will, referiert per Vi­deoschaltung über menschliche Vorstellungskraft als Vorbedingung für ein Grauen, das nur Menschen anrichten können.

          Im Krieg ist kein belletristisches Schreiben mehr möglich

          Eine übereinstimmende Erkenntnis lautet, dass der Krieg belletristisches Schreiben unmöglich macht. Der Übersetzer Juri Durkot aus Lemberg und der russisch­sprachige Literaturwissenschaftler Andrej Kras­njaschtschich von der Universität Charkiw haben sich seit dem 24. Februar auf lakonische Notizen wie „Teppichklopfen in der Feuerpause“ verlegt. Sein altes Ich habe sich mit der Evakuierung aus Charkiw gehäutet, so Krasnjaschtschich, die Bücher von Beckett und Canetti seien dort mit seinem alten Leben zurückgeblieben. 2017 hatte er die Teilnehmer der „Brücke aus Papier“ voller Stolz durch die architektonisch kühne Hauptstadt der einstigen Sowjetukraine geführt, deren geistige Elite im Stalinismus ausradiert wurde. Offenbar empfinde Putin russischsprachige Ukrainer als „Verräter“ und wolle sie bestrafen, ist mehrfach in Weimar zu hören.

          Und die deutschen Teilnehmer? Sie hören vor allem still und bewegt zu. Kerstin Preiwuß sondiert Spuren der Angst, die fester Bestandteil in Kinderbüchern aus der DDR gewesen sei. Der Beobachtungsvir­tuose Marcel Beyer („Ich will nichts erfinden“) analysiert ein Foto aus Irpin vom 13. März, das einen Mann zeigt, der seinem Labrador die Augen zu­hält. Eine Brücke aus Papier gehöre genau hierher, meint der gastgebende Direktor Reinhard Laube beim Rundgang durchs Haus: die Bibliothek als Hort der Humanität. Die Gäste zeigten sich besonders von den Aschebüchern berührt, die nach dem großen Brand von 2004 teilweise restauriert werden konnten. Solches Wissen wird in der von Zerstörung bedrohten Kulturnation Ukraine nötig sein.

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