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Wichtige Bücher der neuen Saison : Fünf gute Gründe, sich auf den Literaturherbst zu freuen

Die Literatur war besser als der Fußball: Brasilien präsentierte sich als Gastland der letztjährigen Frankfurter Buchmesse mit Witz und Verve Bild: dpa

Leselust allenthalben - und an neuen Romanen, Erzählbänden, Biographien und Memoiren kein Mangel. Ein erster Blick in die Neuerscheinungen fördert einige mögliche Favoriten zu Tage. Wir stellen sie vor.

          6 Min.

          Das wichtigste Buch des kommenden Bücherherbstes stand schon vor einem Jahr fest. Damals erschien in den Vereinigten Staaten der Roman „The Circle“ von Dave Eggers, und er wurde sofort als das beklemmende Porträt eines modernen Geschäftsgebarens erkannt, das die Ausbeutung auf eine Stufe geführt hat, die sich selbst das neunzehnte Jahrhundert nicht hätte träumen lassen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Sprach man früher erschaudernd vom Manchester-Kapitalismus, so hat Eggers nun in seinem Buch den Silicon-Valley-Kapitalismus als ungleich perfideres System beschrieben: Unter der Vorspiegelung individuellen Vergnügens und Gemeinschaftsgeists wird bedingungsloser Einsatz für das Unternehmen nicht mehr nur während der Arbeits-, sondern auch während der Freizeit verlangt.

          Jeder Leser des am 14. August auf Deutsch erscheinenden Romans wird hinter Eggers’ fiktivem Monopolisten auf dem Suchmaschinen-, Freemail- und SMS-Markt der nahen Zukunft das reale Vorbild erkennen: Google. Im Firmennamen „Circle“ klingt diese Verwandtschaft schon phonetisch an. Es bereitet dem 1970 geborenen Schriftsteller ein diebisches Vergnügen, in seine Unternehmensbeschreibung zahllose Details einzuflechten, für deren Recherche er sich nur ein paar Meilen von seinem Wohnhaus in San Francisco wegbewegen musste, um bei Google, aber auch bei GitHub, Pixar, oder Apple die angeblich pure Lust an einem campusartigen Arbeitsplatz zu finden, den man als dort Beschäftigter besser gar nicht mehr verlässt.

          Sonst ergeht es einem wie Eggers’ vierundzwanzigjähriger Protagonistin Maebelline Renner Holland, die von Circle angeheuert und im Laufe der 550 Seiten Romanhandlung mit Haut und Haaren vereinnahmt wird. „Leidenschaft, Partizipation, Transparenz“ lauten die Schlagworte, die das Unternehmen sich auf die Fahne geschrieben hat, und wenn Mae sich in ihre Privatsphäre zurückziehen, allein ein Hobby pflegen will, muss sie sich von ihrem Vorgesetzten anhören: „Was glaubst du, wie sich andere Circler fühlen, wenn sie wissen, dass du ihnen physisch so nah bist, dass du augenscheinlich Teil einer Community bist, aber ihnen nicht verraten willst, was für Hobbys und Interessen du hast. . . Du spielst deinen Part. Du musst part-izipieren.“ Wer Karriere machen will, sollte da wohl mitspielen.

          Dave Eggers
          Dave Eggers : Bild: Katy Winn/Corbis

          Nun muss das wichtigste Buch der Saison nicht auch das beste sein. Literarisch hat Eggers wenig zu bieten, die Dialogführung ist hölzern (und die deutsche Übersetzung macht das nicht besser), seine Figuren sind bewusst eindimensional, das Erzählprinzip von „Der Circle“ lautet prosaischer Realismus. Es ist Romanmanipulation, was Eggers hier betreibt: Zeitdiagnostik eingebettet in Fiktion, gewürzt mit etwas Sex und Mysterium. Dass man dem Geschehen trotzdem atemlos folgt, ist der Hellsicht von Eggers’ zu verdanken, nicht seinem Talent als Romancier.

          Die beste Belletristik dieses Herbstes kommt aus Deutschland, doch da sind nicht vorrangig Romane zu nennen. Mit einer Ausnahme: Nino Haratischwilis „Das achte Leben (Für Brilka)“. Die 1983 in Georgien geborene, mit zwanzig Jahren als Theaterregisseurin und -autorin nach Deutschland gekommene Haratischwili hat ein Buch geschrieben, das im Umfang (fast 1300 Seiten) maßlos ist, doch jeden Satz braucht. Im Gegensatz zu Eggers fesselt vor allem die erzählerische Souveränität, mit der Frauenschicksale einer georgischen Familie übers zwanzigste Jahrhundert hinweg verfolgt werden.

          Gleich im Prolog findet Haratischwili ihre ästhetische Leitmetapher: das Teppichgewebe. „Du bist ein Faden, ich bin ein Faden“, erklärt die genau zur Jahrhundertwende geborene Anastasia Jaschi ihrer 1973 geborenen Urenkelin Niza, „zusammen ergeben wir eine kleine Verzierung, mit vielen anderen Fäden ergeben wir ein Muster.“ Nach diesem Prinzip ist der Roman gebaut, ein bunteres Gewebe ist kaum denkbar.

          Die Lektüre vermittelt eine überschäumende erzählerische Lust, der man Volten und Vexierspiele leicht verzeiht, weil jeder Erzählfaden wieder eingewoben wird in diesen Sprachbilderteppich, dessen Textur zusätzlich davon profitiert, dass Harataschwili als georgische Muttersprachlerin den Mut zu Formulierungen hat, die isoliert wie Exotismen oder Archaismen wirken könnten, aber im munteren Hin und Her der Sprachweberschiffchen integriert werden in ein fürwahr episches Deutsch.

          Vor drei Jahren habe ich Nino Haratischwili erstmals aus diesem Roman vortragen hören; sie gewann damit den Kranichsteiner Literaturförderpreis. Damals las sie den Auftakt, der sich aber heute unvergleichlich komplexer präsentiert. Das Ineinandergreifen der Erzählstränge wird hier durch eine Montagetechnik vorgeführt, deren Resultat eine leitmotivisch-literarische Ouvertüre ist - wie in Uwe Tellkamps „Der Turm“, dem von Anspruch und Umfang einzig vergleichbaren Projekt der neueren deutschen Literatur. An der Aufnahme des Romans von Nino Haratischwili wird sich erweisen, ob Wortwagemut noch belohnt wird.

          Nino Haratischwili
          Nino Haratischwili : Bild: Danny Merz/Sollsuchstelle

          „Ich habe dir alle Worte aufgeschrieben, die ich besaß.“ Das sagt die Ich-Erzählerin Niza am Ende des Buchs zu ihrer elfjährigen Nichte Brilka, dem jüngsten Sprössling der Jaschis. Niza hat über 1300 Seiten hinweg um Brilkas Leben erzählt: von sieben Leben, um ein achtes zu retten. Denn ohne Wissen um die Vergangenheit, um Herkunft, Schuld und Verdienst - das ist die zentrale Aussage des Romans -, zerfällt das Webmuster unserer Existenz. Darum muss erzählt werden, mit aller Kraft, mit allen Worten.

          Oder mit allem Geschick. So wie es Karen Köhler tut. „Wir haben Raketen geangelt“ heißt ihr spätes Buchdebüt - die wie Nino Haratischwili in Hamburg lebende Schriftstellerin ist vierzig Jahre alt -, und es ist ein Gesamtkunstwerk vom ausfaltbaren Schutzumschlag, den die Autorin selbst gestaltet hat, bis zur Reihenfolge der neun Geschichten. Eine davon hätte sie kürzlich in Klagenfurt vorlesen sollen, doch Köhler erkrankte - als erste Teilnehmerin überhaupt in den fast vierzig Jahren des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs.

          Was Juroren und Publikum dadurch entging, kann man als Auftakt ihres schmalen Bandes nachlesen: die Erzählung „Il Commandante“ über sechs Tage im Leben einer krebskranken jungen Frau, die einen lebenszugewandten alten Mann kennenlernt. Es braucht nicht mehr zum Glück, nicht für die Kranke und nicht für die Leser.

          Karen Köhler
          Karen Köhler : Bild: Carl Hanser Verlag

          Karen Köhler liebt hochsymbolische Konstellationen, das zeigt schon das Schemabild auf der Innenseite des Schutzumschlags, das ein kartographiertes Bestiarium für ihre Erzählungen bietet. Bisweilen wird es dabei banal, etwa in der aus Postkartenbotschaften bestehenden Erzählung „Polarkreis“. Immer dann, wenn Karen Köhler harmonische Lösungen wählt, verrennt sie sich. Wo sie aber ambivalente Stoffe wählt, wie in der hinreißend traurigen Titelgeschichte des Buchs, betritt sie den Gipfel. Wenn eine deutsche Erzählung der letzten Jahre, dann diese.

          Und wenn ein Memoirenbuch, dann „Tumult“, die im Oktober erscheinenden Erinnerungen von Hans Magnus Enzensberger. Alles, was das Hexerwerk des Schriftstellers ausmacht, steckt in dieser Schilderung der sechziger Jahre: die essayistische Beobachtungsgabe, die lyrische Virtuosität, die epische Gestaltungskraft und vor allem der sardonische Witz. Schließlich hat Enzensberger schon einmal eine „Erinnerung an die sechziger Jahre“ publiziert: als Gedichtzyklus, der bereits 1964 erschien.

          Diesmal könnte man glauben, er machte Ernst. Wir begleiten Enzensberger durch ein fürwahr tumultuöses Jahrzehnt: zu Chruschtschow auf die Krim, nach Kuba, ins zerrissene Amerika der Vietnam-Kriegsjahre, natürlich auf die Demonstrationen der Achtundsechziger und in die Berliner Kommune 1.

          Doch unser Cicerone gibt sich so unbeteiligt wie wir; er schöpft angeblich nur aus mirakulös nach fast einem halben Jahrhundert wiederaufgetauchten eigenen Notizen: „Der Mensch war mir fremd, den ich in den Papieren, die ich in meinem Keller fand, angetroffen habe.“ Also begibt sich Enzensberger in eine Auseinandersetzung mit seinem jüngeren Selbst, ein Erzählprinzip, das in der lange Jahre von ihm herausgegebenen Buchreihe „Die Andere Bibliothek“ exemplarisch der französische Comic- zeichner Moebius vorgemacht hat.

          „Das einzige, was mich interessierte, waren seine Antworten auf die Frage: Mein Lieber, was hast du dir bei alledem gedacht?“ Enzensberger wäre nicht er selbst, würde er sie liefern. Stattdessen erzählt er etwas anderes. Nicht als „Mein Lieber“ müsste er den jüngeren Adressaten seiner behaupteten Selbstprüfung anreden, sondern als „Mein Liebender“. Denn auf einer der damaligen Russland-Reisen verliebte er sich in Maria Alexandrowna Makarowa, dann verlobte er sich und heiratete sie, und die Liebesgrüße aus Moskau sind der eingewobene rote Faden, der diesen Textteppich fliegen lässt.

          Hans Magnus Enzensberger
          Hans Magnus Enzensberger : Bild: c: vanit.de/T. Bozi/ROBA Images

          Einen „russischen Roman“ nennt Enzensberger selbst die Geschehnisse, und genauso liest sich dieses Schelmenstück einer Autobiographie. Zwei Jahre währte die Ehe, dann war sie und waren die sechziger Jahre am Ende. Von „Tumult“ aber wünschte man, es endete nie. Aber wer weiß, was noch in Enzensbergers Keller liegt?

          Dagegen kommt das größte Biographienvorhaben der neueren deutschen Literaturgeschichte jetzt unwiderruflich an sein Ende. Reiner Stach schließt seine dreibändige Kafka-Biographie ab - am 24. September erscheint der erste Band, der den Jahren von der Geburt 1883 bis 1911, als Kafka seine schriftstellerische Berufung gefunden hatte, gilt.

          Vor zwölf Jahren, als zum Auftakt der Mittelband der Trilogie herauskam, begründete Stach diesen ungewöhnlichen Schritt mit dem noch unzugänglichen Nachlass von Max Brod, in dem er unentbehrliche Quellen für Kafkas frühe Jahre vermutete. An dieser Unzugänglichkeit hat sich nichts geändert, aber der nun nachgereichte erste Teil lässt trotzdem nichts vermissen.

          Stachs Biographie hat Epoche gemacht, inhaltlich ohnehin, aber mehr noch stilistisch, weil die Verschmelzung von Leben, Werk und Umfeld hier auf eine Weise erfolgt, die selbst hochliterarisch ist, aber nichts Angestrengtes hat, obwohl sie dem Biographen alles abverlangt haben muss. „Will er tiefer eindringen in die Zeugnisse vergangenen Lebens, so muss er mit gesteigerter und reflektierter Aufmerksamkeit lesen - ganz so, als bewege er sich in einer soeben erlernten Fremdsprache.“

          Reiner Stach
          Reiner Stach : Bild: ullstein bild

          So beschreibt Stach nun zum Abschluss selbst die Herausforderung, der er sich gegenüber sah. Er erweist sich einmal mehr als der beste Dolmetscher der Fremdsprache Kafkas, den man sich wünschen kann.

          Als Kafka im September 1911 in einem Schweizer Sanatorium weilte, fragte ihn eine alte Dame, die ihn im Lesezimmer bei der Niederschrift von Notizen sah: „Was schreiben Sie eigentlich?“ Mit dieser Frage endet Reiner Stachs neuer Band und lädt zur Wiederlektüre der beiden früher erschienenen ein, die diese Frage beantworten. Wenn Sie sich aber für die kommenden Monate fragen: „Was lesen wir eigentlich?“, dann wählen Sie eines dieser fünf fulminanten Bücher. Oder besser noch: gleich alle.

          Spitzen der Belletristik

          Reiner Stach vollendet in diesem Herbst seine große Kafka-Biographie mit dem Band über Kindheit, Jugend und erste Berufszeit des Schriftstellers: „Kafka - Die frühen Jahre“. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2014. 604 S., Abb., geb., 34,- €. Erscheint am 25. September.

          Nino Haratischwili, geboren 1983 in Tiflis, verfolgt das Leben einer georgischen Familie durch das ganze zwanzigste Jahrhundert und liefert damit nicht nur vom Umfang her ein Schwergewicht: „Das achte Leben (Für Brilka)“. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2014. 1280 S., geb., 32,- €. Erscheint am 1. September.

          Hans Magnus Enzensberger blickt kurz vor seinem fünfundachtzigsten Geburtstag mit jugendfrischem Witz auf die sechziger Jahre zurück: „Tumult“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 286 S., geb., 21,95 €. Erscheint am 18. Oktober.

          Karen Köhler debütiert im Alter von vierzig Jahren und stellt sogleich die Literatur auf den Kopf: „Wir haben Raketen geangelt“. Erzählungen. Carl Hanser Verlag, München 2014. 240 S., geb., 19,90 €. Erscheint am 25. August.

          Dave Eggers hält in seinem neuen Roman der Verlogenheit unserer schönen neuen digitalen Arbeitswelt den Spiegel vor. In Amerika ist das Buch schon eine Sensation, jetzt erscheint es auf Deutsch: „Der Circle“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 560 S., geb., 22,99 €. Erscheint am 14. August.

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