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Wichtige Bücher der neuen Saison : Fünf gute Gründe, sich auf den Literaturherbst zu freuen

Die Literatur war besser als der Fußball: Brasilien präsentierte sich als Gastland der letztjährigen Frankfurter Buchmesse mit Witz und Verve Bild: dpa

Leselust allenthalben - und an neuen Romanen, Erzählbänden, Biographien und Memoiren kein Mangel. Ein erster Blick in die Neuerscheinungen fördert einige mögliche Favoriten zu Tage. Wir stellen sie vor.

          Das wichtigste Buch des kommenden Bücherherbstes stand schon vor einem Jahr fest. Damals erschien in den Vereinigten Staaten der Roman „The Circle“ von Dave Eggers, und er wurde sofort als das beklemmende Porträt eines modernen Geschäftsgebarens erkannt, das die Ausbeutung auf eine Stufe geführt hat, die sich selbst das neunzehnte Jahrhundert nicht hätte träumen lassen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Sprach man früher erschaudernd vom Manchester-Kapitalismus, so hat Eggers nun in seinem Buch den Silicon-Valley-Kapitalismus als ungleich perfideres System beschrieben: Unter der Vorspiegelung individuellen Vergnügens und Gemeinschaftsgeists wird bedingungsloser Einsatz für das Unternehmen nicht mehr nur während der Arbeits-, sondern auch während der Freizeit verlangt.

          Jeder Leser des am 14. August auf Deutsch erscheinenden Romans wird hinter Eggers’ fiktivem Monopolisten auf dem Suchmaschinen-, Freemail- und SMS-Markt der nahen Zukunft das reale Vorbild erkennen: Google. Im Firmennamen „Circle“ klingt diese Verwandtschaft schon phonetisch an. Es bereitet dem 1970 geborenen Schriftsteller ein diebisches Vergnügen, in seine Unternehmensbeschreibung zahllose Details einzuflechten, für deren Recherche er sich nur ein paar Meilen von seinem Wohnhaus in San Francisco wegbewegen musste, um bei Google, aber auch bei GitHub, Pixar, oder Apple die angeblich pure Lust an einem campusartigen Arbeitsplatz zu finden, den man als dort Beschäftigter besser gar nicht mehr verlässt.

          Sonst ergeht es einem wie Eggers’ vierundzwanzigjähriger Protagonistin Maebelline Renner Holland, die von Circle angeheuert und im Laufe der 550 Seiten Romanhandlung mit Haut und Haaren vereinnahmt wird. „Leidenschaft, Partizipation, Transparenz“ lauten die Schlagworte, die das Unternehmen sich auf die Fahne geschrieben hat, und wenn Mae sich in ihre Privatsphäre zurückziehen, allein ein Hobby pflegen will, muss sie sich von ihrem Vorgesetzten anhören: „Was glaubst du, wie sich andere Circler fühlen, wenn sie wissen, dass du ihnen physisch so nah bist, dass du augenscheinlich Teil einer Community bist, aber ihnen nicht verraten willst, was für Hobbys und Interessen du hast. . . Du spielst deinen Part. Du musst part-izipieren.“ Wer Karriere machen will, sollte da wohl mitspielen.

          Dave Eggers

          Nun muss das wichtigste Buch der Saison nicht auch das beste sein. Literarisch hat Eggers wenig zu bieten, die Dialogführung ist hölzern (und die deutsche Übersetzung macht das nicht besser), seine Figuren sind bewusst eindimensional, das Erzählprinzip von „Der Circle“ lautet prosaischer Realismus. Es ist Romanmanipulation, was Eggers hier betreibt: Zeitdiagnostik eingebettet in Fiktion, gewürzt mit etwas Sex und Mysterium. Dass man dem Geschehen trotzdem atemlos folgt, ist der Hellsicht von Eggers’ zu verdanken, nicht seinem Talent als Romancier.

          Die beste Belletristik dieses Herbstes kommt aus Deutschland, doch da sind nicht vorrangig Romane zu nennen. Mit einer Ausnahme: Nino Haratischwilis „Das achte Leben (Für Brilka)“. Die 1983 in Georgien geborene, mit zwanzig Jahren als Theaterregisseurin und -autorin nach Deutschland gekommene Haratischwili hat ein Buch geschrieben, das im Umfang (fast 1300 Seiten) maßlos ist, doch jeden Satz braucht. Im Gegensatz zu Eggers fesselt vor allem die erzählerische Souveränität, mit der Frauenschicksale einer georgischen Familie übers zwanzigste Jahrhundert hinweg verfolgt werden.

          Gleich im Prolog findet Haratischwili ihre ästhetische Leitmetapher: das Teppichgewebe. „Du bist ein Faden, ich bin ein Faden“, erklärt die genau zur Jahrhundertwende geborene Anastasia Jaschi ihrer 1973 geborenen Urenkelin Niza, „zusammen ergeben wir eine kleine Verzierung, mit vielen anderen Fäden ergeben wir ein Muster.“ Nach diesem Prinzip ist der Roman gebaut, ein bunteres Gewebe ist kaum denkbar.

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