https://www.faz.net/-gqz-7sa7z

Wichtige Bücher der neuen Saison : Fünf gute Gründe, sich auf den Literaturherbst zu freuen

Doch unser Cicerone gibt sich so unbeteiligt wie wir; er schöpft angeblich nur aus mirakulös nach fast einem halben Jahrhundert wiederaufgetauchten eigenen Notizen: „Der Mensch war mir fremd, den ich in den Papieren, die ich in meinem Keller fand, angetroffen habe.“ Also begibt sich Enzensberger in eine Auseinandersetzung mit seinem jüngeren Selbst, ein Erzählprinzip, das in der lange Jahre von ihm herausgegebenen Buchreihe „Die Andere Bibliothek“ exemplarisch der französische Comic- zeichner Moebius vorgemacht hat.

„Das einzige, was mich interessierte, waren seine Antworten auf die Frage: Mein Lieber, was hast du dir bei alledem gedacht?“ Enzensberger wäre nicht er selbst, würde er sie liefern. Stattdessen erzählt er etwas anderes. Nicht als „Mein Lieber“ müsste er den jüngeren Adressaten seiner behaupteten Selbstprüfung anreden, sondern als „Mein Liebender“. Denn auf einer der damaligen Russland-Reisen verliebte er sich in Maria Alexandrowna Makarowa, dann verlobte er sich und heiratete sie, und die Liebesgrüße aus Moskau sind der eingewobene rote Faden, der diesen Textteppich fliegen lässt.

Hans Magnus Enzensberger
Hans Magnus Enzensberger : Bild: c: vanit.de/T. Bozi/ROBA Images

Einen „russischen Roman“ nennt Enzensberger selbst die Geschehnisse, und genauso liest sich dieses Schelmenstück einer Autobiographie. Zwei Jahre währte die Ehe, dann war sie und waren die sechziger Jahre am Ende. Von „Tumult“ aber wünschte man, es endete nie. Aber wer weiß, was noch in Enzensbergers Keller liegt?

Dagegen kommt das größte Biographienvorhaben der neueren deutschen Literaturgeschichte jetzt unwiderruflich an sein Ende. Reiner Stach schließt seine dreibändige Kafka-Biographie ab - am 24. September erscheint der erste Band, der den Jahren von der Geburt 1883 bis 1911, als Kafka seine schriftstellerische Berufung gefunden hatte, gilt.

Vor zwölf Jahren, als zum Auftakt der Mittelband der Trilogie herauskam, begründete Stach diesen ungewöhnlichen Schritt mit dem noch unzugänglichen Nachlass von Max Brod, in dem er unentbehrliche Quellen für Kafkas frühe Jahre vermutete. An dieser Unzugänglichkeit hat sich nichts geändert, aber der nun nachgereichte erste Teil lässt trotzdem nichts vermissen.

Stachs Biographie hat Epoche gemacht, inhaltlich ohnehin, aber mehr noch stilistisch, weil die Verschmelzung von Leben, Werk und Umfeld hier auf eine Weise erfolgt, die selbst hochliterarisch ist, aber nichts Angestrengtes hat, obwohl sie dem Biographen alles abverlangt haben muss. „Will er tiefer eindringen in die Zeugnisse vergangenen Lebens, so muss er mit gesteigerter und reflektierter Aufmerksamkeit lesen - ganz so, als bewege er sich in einer soeben erlernten Fremdsprache.“

Reiner Stach
Reiner Stach : Bild: ullstein bild

So beschreibt Stach nun zum Abschluss selbst die Herausforderung, der er sich gegenüber sah. Er erweist sich einmal mehr als der beste Dolmetscher der Fremdsprache Kafkas, den man sich wünschen kann.

Als Kafka im September 1911 in einem Schweizer Sanatorium weilte, fragte ihn eine alte Dame, die ihn im Lesezimmer bei der Niederschrift von Notizen sah: „Was schreiben Sie eigentlich?“ Mit dieser Frage endet Reiner Stachs neuer Band und lädt zur Wiederlektüre der beiden früher erschienenen ein, die diese Frage beantworten. Wenn Sie sich aber für die kommenden Monate fragen: „Was lesen wir eigentlich?“, dann wählen Sie eines dieser fünf fulminanten Bücher. Oder besser noch: gleich alle.

Spitzen der Belletristik

Reiner Stach vollendet in diesem Herbst seine große Kafka-Biographie mit dem Band über Kindheit, Jugend und erste Berufszeit des Schriftstellers: „Kafka - Die frühen Jahre“. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2014. 604 S., Abb., geb., 34,- €. Erscheint am 25. September.

Nino Haratischwili, geboren 1983 in Tiflis, verfolgt das Leben einer georgischen Familie durch das ganze zwanzigste Jahrhundert und liefert damit nicht nur vom Umfang her ein Schwergewicht: „Das achte Leben (Für Brilka)“. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2014. 1280 S., geb., 32,- €. Erscheint am 1. September.

Hans Magnus Enzensberger blickt kurz vor seinem fünfundachtzigsten Geburtstag mit jugendfrischem Witz auf die sechziger Jahre zurück: „Tumult“. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 286 S., geb., 21,95 €. Erscheint am 18. Oktober.

Karen Köhler debütiert im Alter von vierzig Jahren und stellt sogleich die Literatur auf den Kopf: „Wir haben Raketen geangelt“. Erzählungen. Carl Hanser Verlag, München 2014. 240 S., geb., 19,90 €. Erscheint am 25. August.

Dave Eggers hält in seinem neuen Roman der Verlogenheit unserer schönen neuen digitalen Arbeitswelt den Spiegel vor. In Amerika ist das Buch schon eine Sensation, jetzt erscheint es auf Deutsch: „Der Circle“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 560 S., geb., 22,99 €. Erscheint am 14. August.

Weitere Themen

Topmeldungen

Corona-Debatte bei Anne Will

TV-Kritik: Anne Will : Mit Plattitüden gegen die Pandemie

Wer die gegenwärtige Misere der Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erleben wollte, bekam bei Anne Will einen bemerkenswerten Anschauungsunterricht. Eine Debatte fand nicht statt, stattdessen gab es ein Poesiealbum von Allgemeinplätzen.
Brand in einem Flüchtlingslager auf Samos (Archivbild)

Griechenland : Feuer im Flüchtlingslager auf Samos

In einem griechischen Flüchtlingszentrum ist abermals ein Feuer ausgebrochen. Mehrere Container brannten nieder. Dutzende Minderjährige wurden aus dem Lager gebracht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.