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Neuer Houellebecq-Roman : Wenn der Halbmond über Paris aufsteigt

Die Frauen tragen Schleier, und die koscheren Geschäfte machen zu: das Paris in Michel Houellebecqs Dystopie Bild: Ullstein

Michel Houellebecqs neuer Roman „Soumission“ entwirft das gespenstische Szenario eines islamischen Gottesstaates in Frankreich. Die Provokation zielt ins Herz westlicher Ängste.

          Unterwerfung“, der neue Roman von Michel Houellebecq, ist schrecklich. Er entwirft das Bild eines islamistischen Gottesstaates in Frankreich in der nahen Zukunft. Nicht dass der Roman nicht lesenswert wäre. Im Gegenteil: Man kann ihn kaum aus der Hand legen. Man hofft, dass es auf eine Satire hinausläuft, und ahnt, dass die islamischen Verbände dagegen Sturm laufen werden. Man redet sich ein, dass die Kunst alles darf, doch die Unruhe, die den Leser erfasst, verlässt ihn nicht. Es ist ein Roman, der einen abstößt und zugleich fasziniert.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Von den Islamfeinden, die dieser Tage nicht nur in Dresden vor der Unterwerfung des Abendlands durch Halbmond und Stern warnen, unterscheidet sich Houellebecq dabei in einem entscheidenden Punkt: Seine Kritik an der eigenen Kultur fällt mindestens so vernichtend aus wie die an der islamischen. Einerseits hat der um Provokationen nie verlegene Romancier schon vor Jahren behauptet, der Islam sei die „wirklich dümmste aller Religionen“ und der Fundamentalismus kein Ausrutscher, sondern eine plausible Interpretation des Korans. Andererseits behauptet der Achtundfünfzigjährige seit jeher, dass ein menschenwürdiges Leben im Westen unmöglich sei. Trotzdem wünscht man sich angesichts der Lektüre von „Soumission“, dass Pegida-Anhänger sich nicht für französische Romane interessieren. Sie könnten sich von diesem neuesten, schon vor Erscheinen heftig diskutierten Buch in ihren dumpfen Ressentiments fatal bestätigt fühlen.

          Strategie der schlimmstmöglichen Wendung

          Der Roman, der bereits als illegaler Download im Internet kursiert und dessen Titel auf die wörtliche Übersetzung von „Islam“ anspielt, erscheint am kommenden Mittwoch in Frankreich und eine Woche später in der Übersetzung von Norma Cassau und Bernd Wilczek bei Dumont in Deutschland. Der stupende Diagnostiker Houellebecq zielt darin so furcht- wie gnadenlos ins Herz westlicher Angst. Kein Autor hält der offenen Gesellschaft ihre eigenen Albträume so schonungslos vor wie er. Hatte Houellebecq seine Leser in seinem letzten Roman „Karte und Gebiet“ mit einer neugewonnenen Leichtigkeit überrascht und Frankreich seinem enfant terrible wie zum Dank dafür den Prix Goncourt zuerkannt, so ist diese Schreckensphantasie aus dem Jahr 2022 eine ungeheuerliche Herausforderung. Houellebecq geht dorthin, wo es hässlich wird, und kein politisch korrekter Wille kann ihn aufhalten. Die Bestürzung muss jeder für sich aushalten. Houellebecq bietet keine Alternative, keinen Halt und auch keine Bewertung der Ereignisse, allenfalls grinsende Ironie über seine bösen Einfälle; zuverlässig verpasst er jeder Situation ihre schlimmstmögliche Wendung.

          Aus der Ich-Perspektive des Sprachwissenschaftlers François erzählt dieser Roman vom Umbau der französischen Gesellschaft in den Maitagen 2022. Die geschieht so geräuschlos wie effizient, zunächst bemerkt es kaum einer. Zu groß ist die Erleichterung darüber, dass ein Bürgerkrieg beendet werden konnte, bei dem nicht nur die Place de Clichy in Flammen stand. Die bürgerlichen Parteien wie auch die Sozialisten haben, um den zur Macht drängenden Front National zu verhindern, einen Pakt mit der Bruderschaft der Muslime geschlossen. Mohammed Ben Abbes ist der neue, fiktive Präsident im Elysee-Palast, sein Premier wird der (real existierende) Zentrumspolitiker Bayrou.

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