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Neuer Houellebecq-Roman : Wenn der Halbmond über Paris aufsteigt

Zwischen Prophetie und Pose: Michel Houellebecq
Zwischen Prophetie und Pose: Michel Houellebecq : Bild: Reuters

Im wirtschaftlich kollabierenden Frankreich des Romans hat sich die Bruderschaft der Muslime vor allem deshalb als Erfolgsmodell etabliert, weil ihre Jugendverbände, Kultureinrichtungen und karitativen Institutionen der Partei immer mehr Wähler zuträgt. Dabei ist der Islamführer an der Spitze des Staates alles andere als ein ordinärer Taliban. Der Absolvent französischer Eliteuniversitäten und geschickteste Politiker seit Mitterrand, wie es im Roman heißt, hält Terroristen für Dilettanten. Er will nichts Geringeres, als den alten Raum des Römischen Reiches wiederzubeleben.

Die Europäische Union ist ihm für diesen lange gehegten Traum Mittel zum Zweck, in dem er mit Hilfe der Mittelmeerländer das Gravitationszentrum Europas immer mehr nach Süden verlegt. Dazu werden nach der Türkei auch die frankophonen Länder Marokko, Tunesien und Algerien in die EU aufgenommen. Der logische Endpunkt der ganzen Anstrengung ist die Errichtung eines neuen Großeuropa – mit Mohammed Ben Abbes als alleinigem Herrscher.

Der Umbau der Gesellschaft ergreift schließlich alle Bereiche des Lebens. Als Anhänger des Distributismus, der sich für Staatskapitalismus und Familienunternehmen stark macht, schließt Abbes einen Industriestandort nach dem anderen, während die Landwirtschaft und das Handwerk zu alter Größe aufsteigen. Und selbst die Liebesheirat wird verabschiedet, die Rückkehr zur Vernunftehe propagiert. Das dient dem angesagten Wirtschaftsmodell ebenso wie die neue Häuslichkeit der Frauen: Nicht zuletzt dadurch bekommt Abbes die Arbeitslosigkeit in den Griff.

Um was es hier gehe, fragt der mit sich ringende François den belgischen Konvertiten und Nietzsche-Kenner Robert Rediger, als er ihn in dessen vornehmen Stadtpalais im 5. Arrondissement besucht. Der Autor des Bestsellers „Zehn Fragen zum Islam“ hat sich jüngst mit einer Fünfzehnjährigen vermählt und lebt in dem Haus, in dem „Die Geschichte der O“ geschrieben wurde, der sadomasochistische Roman, der von einer weiblichen Unterwerfung handelt. Rediger meint erkannt zu haben, dass der Gipfel des menschlichen Glücks in der absoluten Unterwerfung liege. In den Räumen mit den seidenen Tapeten hat einst Jean Paulhan gewohnt, die graue Eminenz der französischen Nachkriegsliteratur. Ausgerechnet in dem Strippenzieher und verführerischen Rechtsintellektuellen Rediger, der den Identitären nahesteht, bündelt Houellebecq, als Gipfel der politischen Perfidie, die einst verfeindeten Lager der extremen Rechten und der religiösen Fundamentalisten zu neuer Größe.

Dämonie für kühle Leser

Dieser Macht wird sich keiner widersetzen können. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch in Redigers belgischer Heimatstadt, Europas Hauptstadt Brüssel, das muslimische Banner weht. Die Erklärung ist einfach: Während die Flamen und die Wallonen es nie geschafft haben, sich zu verständigen, konnten sich flämische und wallonische Muslime mühelos auf ein Regierungsbündnis einigen. Im Thalys, dem Zug, der von Brüssel nach Paris fährt, hat man jetzt die Wahl zwischen einem traditionellen und einem Halal-Menü.

Genau hier aber wird man das Buch befragen müssen, und zwar hinsichtlich der Realität, die außerhalb von Houellebecqs Vision liegt. Wie wahrscheinlich ist das Bild vom Gottesstaat unter dem Halbmond in Zeiten, in denen die Zerrissenheit der islamischen Welt so offen zutage tritt wie selten zuvor, in der sich wie derzeit in Syrien und im Irak Muslime gegenseitig mit einem grausamen Krieg überziehen? Wie bereitwillig ziehen wir uns den vom Autor hingehaltenen Stiefel an und sehen uns als Polygamisten, die sich nach Unterwerfung sehnen?

Oder ist auch das Kalkül? Michel Houellebecq zeigt, wie alle Fronten durcheinandergeraten könnten. Dass man seine gespenstische Zukunftsvision nicht einfach nur als absurd abtun kann, macht ihre beunruhigende Qualität aus. Lesen sollte man sie mit kühlem Kopf.

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