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Neuer Houellebecq-Roman : Wenn der Halbmond über Paris aufsteigt

Als François seine Kündigung aus dem Briefkasten fischt, bemerkt auch er, was die Stunde geschlagen hat: Die neuen Statuten der Islamischen Universität Sorbonne verböten eine Fortsetzung seiner Tätigkeit, schreibt ihm der neue Präsident Robert Rediger. Die Qualität seiner Arbeit sei natürlich über jeden Zweifel erhaben, und es stehe ihm frei, an einer laizistischen Universität zu unterrichten. Sollte er jedoch verzichten, würde man ihm eine monatliche Pension von 3472 Euro zahlen. Dem weltfremden, etwas versponnenen Junggesellen verschlägt es zunächst weniger wegen seiner Entlassung die Sprache als wegen der Zugeständnisse der neuen Machthaber, um Proteste schon im Vorhinein zu verhindern.

Grusel aus teuflischer Distanz

Dass die Saudis noch an die Macht der intellektuellen Elite Frankreichs glauben, findet der Professor geradezu rührend. Während die lesbische Direktorin der Sorbonne ihren Platz sofort räumen muss, als die goldene Mondsichel samt Stern über der Universität aufgeht, kann der Rimbaud-Forscher Steve seinen Lehrstuhl behalten. Rimbaud sei schließlich auch konvertiert, lautet die Begründung. François aber weiß, dass den verhassten Kollegen das dreifache Monatssalär mindestens so sehr gereizt haben wird wie die Aussicht, sich nach neuem Recht eine zweite Ehefrau nehmen zu können.

Genüsslich breitet Houellebecq aus, wie sich das Pariser Stadtbild nun Tag für Tag ändert. Erst sind es nur die Frauen, die statt Kleidern und Röcken nur noch Hosen tragen, dazu Schleier, dann verschwinden die koscheren Lebensmittel aus den Supermärkten, und schließlich sind auch die jüdischen Studenten nicht mehr zu sehen. Dass seine Geliebte Myriam fluchtartig mit ihren Eltern das Land in Richtung Israel verlässt, nimmt François ihr persönlich übel. Dass der Erzähler die gruselige Gegenwart aus einer lakonischen, seltsam lebensfernen Distanz beschreibt, verleiht dem Szenario seinen Horror. Traumatisiert durch libertäre Eltern, denen er die Schuld gibt für seine verkorkste Sexualität, erweist sich François als typischer Houellebecq-Held. Und während um ihn herum der Gottesstaat errichtet wird, vertieft er sich nur noch intensiver in die Werke des Schriftstellers, Ästheten und labilen Neurotikers Joris-Karl Huysmans, über den er promoviert wurde und seither – seine einzige Leidenschaft – forscht.

Eine Gesellschaft aus Typen wie François, daran lässt der Nihilist Houellebecq in dem fünfteiligen Panorama keinen Zweifel, hat ihren Feinden nichts entgegenzusetzen. Nach und nach nimmt er sich die verschiedenen Milieus vor und schickt sie in seine diabolische Versuchsanordnung. Da wird die politische Kaste, die das öffentliche Leben Frankreichs seit jeher ordnet, ebenso bloßgestellt wie die Medienwelt, die auf die Entwicklungen fassungslos und apathisch reagiert. Und mittendrin François, der Misanthrop, der politisiert ist wie ein Handtuch und trotz seines erlesenen Literaturgeschmacks und seiner Vorliebe für Einrichtungsgegenstände in Wahrheit davon träumt, ein Macho zu sein – und es für keine gute Idee hält, dass Frauen wählen dürfen. Doch auch die Flucht in das Kloster, in dem schon der Zola-Gefährte und „christliche Naturalist“ Huysmans sein Erweckungserlebnis hatte, bringt ihn nicht weiter.

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