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Weltliteratur als Graphic Novel : Ist der Werther wertlos?

Shakespeares Sprachbilder in Comic-Bildsprache: Robert Berry und John Levitas dichten visuell Bild: Galiani

Mach es neu: Die alten „Illustrierten Klassiker“ wollten noch reine Lesehilfe sein, jetzt soll große Literatur den Comic adeln: Der erste Band des „Graphic Canon“ erscheint auf Deutsch.

          Heute erscheint ein fünfhundert Seiten dicker gebundener Comicband im Überformat, der nicht nur in einem literarischen Verlag herauskommt (Galiani, Berlin), sondern auch große Literatur sein will. Genauer gesagt: „Weltliteratur als Graphic Novel“ oder noch etwas großspuriger mit dem englischen Originaltitel: „The Graphic Canon“. Der amerikanische Publizist Russ Kick hat im vergangenen Jahr auf einen Schlag gleich drei solcher Bände herausgebracht, zusammen mehr als 1500 Seiten mit gezeichneten Versionen literarischer Meisterwerke vom Gilgamesch-Epos bis zum Roman „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace. Nun ist der erste Teil ins Deutsche übersetzt; er umfasst Bücher, die vor der Französischen Revolution erschienen sind.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Eine gute Idee angesichts des derzeitigen Booms von Graphic Novels, möchte man meinen, schließlich nimmt Russ Kick diese Bezeichnung wörtlich und damit ernst. Allerdings sind neben Romanen auch Dramen, Komödien, Erzählungen, Gedichte, Briefe und Satiren zu finden. Die meisten Comics wurden eigens für den „Graphic Canon“ gezeichnet, und unter den aus anderen Publikationen übernommenen Werke ist keines älter als zwanzig Jahre. So hat man ein Kompendium, das nicht nur einen bebilderten Literaturkanon darstellt, sondern auch ein Generationenporträt heutiger Comiczeichner: Was können sie graphisch und – kaum weniger interessant – was interessiert sie literarisch?

          Der Ruhm der Vorlagen

          Der Versuch allerdings, große Literatur in Comics zu fassen, ist nicht neu. Er ist vielmehr so alt wie die Verachtung der Bildergeschichten. Solange die Comics in Zeitungen abgedruckt wurden und sich damit an ein erwachsenes Publikum richteten, gab es keine Probleme. Erst als Ende der dreißiger Jahre die Superhelden und damit die neue Form des am Kiosk gehandelten Comic-Hefts mit jugendlicher Zielgruppe populär wurden, wuchs der Widerstand. Amerikanische Elternverbände liefen Sturm gegen eine Erzählform, die ihre Kinder angeblich verdummte. Doch es gab auch Verteidiger. Einer von ihnen war Albert L. Kanter, der 1941 das erste Heft von „Classics Illustrated“ publizierte: eine Adaption des Abenteuerromans „Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas. Bis 1969 erschienen in dieser Serie fast 170 Hefte mit Comicfassungen des westlichen Literaturkanons; eines der letzten war Goethes „Faust“.

          Aber „Classics Illustrated“, die am Schluss in mehr als zwanzig Ländern erschienen, setzten allein auf den Ruhm der Vorlagen, nicht auf eigenständige Qualitäten. Die Zeichnungen waren bestenfalls solides Handwerk, und mit abwechslungsreicher Seitenarchitektur war gar nicht zu rechnen: Je konventioneller erzählt wurde, desto besser, die Geschichten waren ja außergewöhnlich genug. Homer, Cervantes, Mark Twain oder Jules Verne für die Jugend der Welt – das musste doch reichen.

          In seiner Maßlosigkeit dem Original ähnlich

          Es reichte nicht, die Reihe scheiterte, als der Comic sich im Laufe der sechziger Jahre wieder aus der Schmuddelecke befreite und mit Serien wie „Tim und Struppi“, „Asterix“ oder „Spirou“ vor allem in Europa eigene Legenden entstanden waren, an deren Qualität kein Zweifel mehr bestand. Fortan gab es kaum etwas Peinlicheres als Comics, die nach literarischen Erfolgen schielten. Die Zeit der Literaturadaptionen schien ein für alle Mal vorbei. Bis vor etwa fünfzehn Jahren.

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