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Leben an Mexikos Grenze : Die Drogen hält keine Mauer auf

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Zwischen den Stühlen: Die Grenzwanderung zwischen Mexiko und Amerika gelingt diesem „roadside restaurant“ in Ro Grande City – zumindest kulinarisch. Bild: AFP

Am Fluss, der Rio Bravo und Rio Grande heißt: Zwei Bücher behandeln die komplexe Lebenssituation an der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten.

          Mit der Trennung von Kleinkindern und ihren Eltern durch die amerikanischen Grenzbehörden, hatte die Regierung von Donald Trump es geschafft, die amerikanisch-mexikanische Grenze jenseits des geplanten Mauerbaus wieder in den internationalen Fokus zu rücken. Nun kommen noch Trumps markige Ankündigungen hinzu, den Marsch mittelamerikanischer Migranten mit Grenzschutz und Militär zu stoppen. Allerdings gerät dabei leicht außer Acht, wie problembeladen diese Grenze bereits zuvor gewesen war. Es war Bill Clinton, der die Grenzkontrollen in den neunziger Jahren entschieden verschärft hatte. Sein Nachfolger George W. Bush ließ es an Härte ebenfalls nicht fehlen, und selbst unter Barack Obama kam es zwischen der südkalifornischen Pazifikküste und der Mündung des Rio Grande zu harschen Maßnahmen gegen Grenzübertritte, wobei auf Hochtechnologie und Drohnen zurückgegriffen wurde. Auch der Zaun, den es seit Bush stellenweise schon gab, wurde ausgebaut.

          Wer sich für die Geschichte dieser Grenze vor allem in Texas interessiert, der ist bei Jeanette Erazo Heufelder bestens aufgehoben. Die Journalistin, eine ausgebildete Ethnologin mit höchst soliden historischen Kenntnissen, lotet das konfliktreiche Spannungsfeld um den Rio Grande oder, wie er in Mexiko heißt, Rio Bravo gekonnt aus. Ihr detailreiches, flüssig geschriebenes Buch geht bis in die 1840er Jahre zurück, als sich die Vereinigten Staaten 1848 im Frieden von Guadeloupe Hidalgo weite Teile des heutigen Südwestens des Landes, darunter Kalifornien, New Mexico, Arizona, Nevada und Utah, aneigneten. Schon 1845 war Texas, das sich 1836 die Unabhängigkeit von Mexiko erkämpft hatte, den Vereinigten Staaten beigetreten.

          Brutale spanische Katholiken

          Diese Geschichte kennzeichnet das Verhältnis der Mexikaner zu den Vereinigten Staaten bis zum heutigen Tag. Obwohl, auch dies ist festzuhalten, viele in den Nordprovinzen lebende Mexikaner anfangs froh waren, nunmehr unter die effizientere Herrschaft der Amerikaner geraten zu sein.

          Die Freude verflog indes rasch. Mexikaner galten in den Vereinigten Staaten wahlweise als obskurantistische, brutale spanische Katholiken im Sinne der Schwarzen Legende oder als minderwertige rassische Mischlinge, weswegen man ihnen das Land mit allen möglichen legalen Tricks abnahm, wo es nur ging. Das führte zur Abwanderung vieler Mexikaner und zur Gründung neuer Städte südlich des Rio Bravo und damit zur charakteristischen Doppelstadtstruktur, die jedem Besucher der Region entlang des Flusses sofort ins Auge sticht.

          Erazo Heufelder schildert diese Prozesse mit dem ethnologischen Blick für konfliktreiche Details und unter wohltuendem Verzicht auf voreilige moralische Zuschreibungen. Die Grenze war lange als solche kaum erkennbar, weil sie weniger trennte als für die Ausgestaltung einer eigenen ökonomischen und kulturellen Identität in Texas und im mexikanischen neuen Norden sorgte. Dabei bedienten sich die Texaner einer ausgefeilten, historisch verbrämten Mythologie, etwa über die angeblich so tapfere Elitetruppe der Texas Ranger, die gleichwohl einem aus Alkoholikern und Verbrechern zusammengesetzten Lynchmob glich.

          Schaurig-schöne Unterhaltung

          Aber auch südlich der Grenze entstand ein ganz eigenes Selbstverständnis, das sich vom Rest Mexikos absetzte. Die Autorin bezieht populärkulturelle Quellen, Filme, Theaterstücke und Romane, in ihre Analyse konsequent mit ein. Auf diese Weise gelingt es ihr, ein facettenreiches Bild dieser Entwicklungen zu vermitteln. Nicht zuletzt weist sie auf die vielen Konflikte an der Grenze hin, etwa die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen 1910 und 1919, als amerikanische Truppen und Texas Ranger den mexikanischen Rebellen und Verbrecher Pancho Villa bekämpften, der seinerseits von amerikanischen Filmproduzenten bezahlt und ausstaffiert wurde, um das amerikanische Publikum schaurig-schön zu unterhalten.

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