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Schriftsteller Leopold Tyrmand : Sieger aus eigener Kraft

Marcel Reich-Ranicki (links) und Leopold Tyrmand (rechts) beim Fünfziger-Jahre-Skiurlaub in der Hohen Tatra. Bild: Carla Ranicki

Sein Leben liest sich selbst wie ein Roman: Niemand hat das Polen der Nachkriegszeit so scharfsichtig und actionreich in Literatur verwandelt wie Leopold Tyrmand.

          7 Min.

          „Ich bin hübsch“, sagt sich Marta, als sie in der Apotheke Schlange steht und in einen Spiegel schaut, der dort an der Wand hängt. Die Schlange besteht aus „hustenden, verschnupften, in Kopftücher und Schals gehüllten Kunden“. Fast fühlt man sich in die Zeit einer Epidemie versetzt; aber es ist nur ein ekliger Warschauer Winterabend. Die Sekretärin Marta kauft Medikamente für ihre kranke Mutter. Doch auf der Straße schlägt ihr ein angetrunkener Typ das Fläschchen aus der Hand, die Medizin zerfließt im Schneematsch. Dann wird sie von dem Typ und seinen Kumpanen auch noch begrapscht und beschimpft. Niemand greift ein. Aber dann . . .

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          „Was jetzt geschah, war wie ein Traum“, lesen wir in der Eingangsszene des Warschau-Romans von Leopold Tyrmand weiter. Plötzlich liegt der eine Typ blutend im Matsch, die anderen beiden suchen humpelnd das Weite. Die Miliz (wie die Polizei in vielen Ostblockländern hieß) ist unterwegs. Wegen des Verwundeten wird Doktor Halski benachrichtigt, der wiederum den Redakteur Edwin Kolanko anruft, seinen Bekannten beim „Abend-Express“. Nur der edle Schläger, der Marta zu Hilfe kam, ist verschwunden. Die Figuren werden auf fast achthundert Seiten vieles daransetzen, dem Rächer, der kraftvoll interveniert, wenn Unschuldige geschlagen oder beraubt werden, näherzukommen. Lange Zeit müssen Beschreibungen wie die von Marta genügen: „Seine Augen waren schrecklich hell, glühend, wie Augäpfel ohne Pupillen.“ Der anonyme Racheengel wird mit „Zły“ (Der Böse) bezeichnet, so nennt ihn das Verbrechermilieu – und das ist der Titel des Romans.

          „Ich spürte, dass ich mir schadete, aber ich las weiter“

          Wir sind im Polen der frühen fünfziger Jahre, also im finstersten Stalinismus. Warschau, das unter deutscher Besatzung etwa die Hälfte seiner Einwohner verloren hat, ist noch eine Trümmerstadt. Aber nicht das wollte Tyrmand den Lesern vor Augen führen, als er sein 1955 erschienenes Buch schrieb. Nein, der Roman will, voller Lebensmut und „action“, geradezu einen Kontrapunkt dazu setzen. Ein Kriminalroman mit amourösen Verwicklungen, ein Porträt der Gesellschaft mit schnellen Pingpong-Dialogen, vielleicht auch Schrei nach Gerechtigkeit, nach Sicherheit und Normalität, wie sie in jener Zeit von Kriminellen in Frage gestellt und von der Staatsmacht nicht gewährleistet wurden.

          So jagen der Journalist (ein Alter Ego des Autors), der Milizionär und ein Schirm und Melone tragender Hobbydetektiv dem rätselhaften „Bösen“, der stets das Gute schafft, hinterher. Der entpuppt sich später als der 32 Jahre alte Henryk Nowak, zunächst selbst aufstrebender Bandit, der jedoch, als Zeuge eines Auftragsmords angewidert, „aussteigt“ und beginnt, die Gegenkräfte der Gesellschaft – mutige, schlagkräftige Männer – zu mobilisieren. Am Ende wird dem Chef der Banditen das Handwerk gelegt.

          Der Roman wurde bald in mehrere Sprachen übersetzt. Zwar wurde er von manchen Kritikern und Literaturhistorikern ignoriert, als Trivialliteratur und „Dostojewski für Halbstarke“ bezeichnet. Doch sollte ein Journalist über seine Wirkung in Polen später schreiben: „Den ,Bösen‘ haben alle gelesen. Nie zuvor und nie danach ist ein Buch entstanden, das in ähnlichem Maße alle Lesergruppen elektrisiert hätte.“ Begeistert waren Witold Gombrowicz und Stefan Kisielewski, der wohl originellste polnische Publizist, dessen Federstichen das kommunistische Regime ausgesetzt war. Die distinguierte Autorin Maria Dąbrowska notierte, sie habe beim nächtlichen Lesen Herzklopfen bekommen: „Ich spürte, dass ich mir schadete, aber ich las weiter.“ Dieses Buch sei zwar „schmierenhaft-melodramatisch; aber die Wirklichkeit ist ein Schmierentheater, und das sollte in der Literatur seine Entsprechung finden.“ Tyrmands Kultroman wurde auf die Bühne gebracht und verfilmt, er wird bis heute aufgelegt und stößt auch unter jungen polnischen Lesern auf Interesse.

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