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Siri Hustvedt wird sechzig : Zitternd der Erkenntnis entgegen

  • -Aktualisiert am

Ihre Stärke ist die Dünnhäutigkeit: Siri Hustveedt. Bild: dpa

Die Romane der amerikanischen Autorin Siri Hustvedt erzählen vom Weiblichsein in all seinen Facetten. Vor Schwächen hat sie keine Scheu. Aus dem Schatten ihres berühmten Mannes ist sie längst herausgetreten.

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          Auf die Frage, was einem zu Siri Hustvedt einfällt, lautet die Antwort fast immer: Paul Auster. Für die hochgewachsene Blondine mit dem norwegischen Namen aus Minnesota ist diese automatische Assoziation indes schon immer deutlich weniger problematisch gewesen als für all jene, die sich über das attraktive Schriftstellerehepaar, zeitweilig als „die Kafkas aus Brooklyn“ bekannt, so ihre Gedanken machten. Denn Siri Hustvedt hat von Anfang an bewusst, ja lustvoll mit den Projektionen gespielt, die ihr erfolgreicher Mann ihr bescherte, ebenso wie mit ihrer Intelligenz, Schönheit, Bildung - und all jenem, was in sie hineingeheimnist wurde.

          Bereits in ihrem Debüt „Die unsichtbare Frau“ von 1993 ließ sie mit der Hauptfigur Iris eine umgekehrte Siri auftreten, die im nächtlichen New York männlichen Schemen und manchen Abgründen begegnet. Als eine surreal changierende Emanzipationsgeschichte las sich auch „Die Verzauberung der Lily Dahl“ (1997), jene - ebenfalls mit einem kräftigen Schuss Autobiographie angereicherte - Geschichte einer Kellnerin aus Webster, Minnesota, die aus den Rollen, in die sie sich hineinphantasiert, nicht mehr herausfindet. War das Debüt eine Verneigung vor Djuna Barnes’ „Nachtgewächsen“, stand hier David Lynchs „Twin Peaks“ atmosphärisch Pate.

          Das Eitle ist ihr fremd

          Über das Verhältnis von Kunst und Realität, Projektion und Wahrheit, von männlichem Betrachter und weiblichem Objekt hat sie nicht aufgehört nachzudenken. Letztlich sind alle Bücher Siri Hustvedts, Romane wie Essays, Ergebnisse eines intensiven, um weitreichende Lektüren, Theorien und Erfahrungen angereicherten Um-sich-Kreisens, dem zugleich alles Eitle und Egomane fremd ist. Im Gegenteil liegt in dem Skrupulösen, Zaudernden ihres Schreibgestus eine besondere Qualität, die den Romanen - vielleicht mit Ausnahme des episch erzählten und darum besonders erfolgreichen „Was ich liebte“ (2003) - eine angenehme Sprödigkeit verleiht, während die Selbstbefragung viele ihrer Aufsätze zu mitreißenden Dokumenten der Gewissenserforschung macht. Ihre Scharfsinnigkeit, ihre bis hin zur Widersprüchlichkeit gehende Komplexität, ihre Körperlichkeit und die händeringende Sorge - Hustvedts Stärke liegt in der unverhohlenen Weiblichkeit, die auch vor der eigenen Schwäche keine Scheu hat.

          Ob im Roman „Der Sommer ohne Männer“ (2011) oder den Essays „Mit dem Körper sehen“: Immer geht Siri Hustvedt von sich aus, kriecht sich selbst unter die Haut. In ihrem diesbezüglich radikalsten Werk, dem mit allen Wassern von Wissenschaft und Psychologie gewaschenen Sachbuch „Die zitternde Frau. Die Geschichte meiner Nerven“ geht sie den Ursachen eines Phänomens nach, das sie seit dem Tod ihres Vaters bei öffentlichen Auftritten gelegentlich heimsucht: Sie beginnt am ganzen Leib zu zittern. Auch in „Leben, Denken, Schauen“ (2014) gewann man den Eindruck, dass Siri Hustvedt im Essay in ihrem eigentlichen Element ist.

          Ein intellektueller Parforceritt

          Wandlungsfähig, wie sie ist, könnte das alles rasch verfliegen, wenn Ende April ihr neuer, sechster Roman erscheint. In „Die gleißende Welt“ führt Hustvedt all ihre schriftstellerischen und intellektuellen Qualitäten zusammen für die Geschichte einer Ausnahmekünstlerin namens Harriet Burden, die mit ihren phantasmagorischen Multimedia-Installationen postum die Aufmerksamkeit einer Wissenschaftlerin erregt. Diese wiederum erstellt aus Tagebucheinträgen, wissenschaftlichen Erörterungen von Burdens Werk sowie Gesprächsauszügen mit Familie, Freunden und Kollegen eine Porträt-Collage einer Künstlerin, die ihren Durchbruch erst erlebt, nachdem ihr Mann, der um einiges ältere Kunsthändler Felix Lord, das Zeitliche gesegnet und sie von einem hippen jungen Galeristen vertreten wird, der ihr zu Einzelausstellungen verhilft. Was den Roman unter anderem so faszinierend macht, ist Hustvedts Bild einer Frau mittleren Alters, die die Erwartungen, die in ihren diversen Rollen - als Künstlerin, Mutter oder Witwe - an sie gestellt werden, eloquent und vehement unterläuft. Noch ostentativer als ihre bisherigen Bücher ist „Die gleißende Welt“ auch ein intellektueller Parforceritt durch Kunstgeschichte, Philosophie, Psychologie und Neurowissenschaften.

          Es steht zu vermuten, dass es bald auf die Frage, was einem zu Paul Auster einfällt, vor allem diese Antwort geben wird: Siri Hustvedt. Heute wird sie sechzig Jahre alt.

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