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Ein runder Mann mit Kanten : Sigmar Gabriels verschwundenes Buch

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch sagt: „An dem Buchprojekt selbst halten wir fest, nur kann ein Erscheinungstermin noch nicht benannt werden.“ Was bei einem Buch, das bereits drei Jahre alt ist und auch als Buch über die Zukunft der SPD angekündigt wurde, so eine Sache ist. Die Zukunft im Buch ist möglicherweise jetzt schon Vergangenheit. Jedenfalls müsste das Gespräch für alles, was inzwischen passiert ist, nochmal aufgenommen werden. Besonders wahrscheinlich scheint das nicht zu sein.

Der Floskel-Profi

In der am Donnerstag erschienenen Ausgabe der „Zeit“ hat Bernd Ulrich, zusammen mit seinem Kollegen Peter Dausend, wieder ein Gespräch mit Sigmar Gabriel geführt. Es geht um die Frage, wie die SPD wieder zu einer „starken und fröhlichen“ Partei werden könne. Wieso die „Gerechtigkeitspartei SPD“ nicht davon profitiere, wenn immer mehr Deutsche der Meinung seien, die Verhältnisse würden immer ungerechter. Und ob es nicht gut wäre, im Blick auf die Bundestagswahl 2017 einen Masterplan zu haben. Gabriels Antworten sind einigermaßen nichtssagend. Die SPD sei stolz auf ihre Politik, weshalb sie auch keinen Neustart brauche. Sie habe die besten Chancen, bei der Bundestagswahl ein richtig gutes Ergebnis zu erreichen, sie müssten auf ihr Regierungshandeln nur stolz sein und das selbstbewusst demonstrieren. Oder: Die SPD sei die einzige Partei, in der es um Zukunft gehe.

Dann spult er Begriffe ab: „Mindestlohn“, „Mietpreisbremse“ oder dass sie bisher nur „an den Stellschrauben gedreht“ hätten, um das „Rentenniveau“ irgendwie stabil zu halten. Es kommt einem oft so vor, als sei das geheime Ziel politischer Rede, möglichst viele Parteiprogrammspunkte in möglichst kurzer Zeit unterzubringen, und zwar möglichst so technisch formuliert, dass wir auf keinen Fall den Eindruck haben, es könne etwas mit uns zu tun haben. Sigmar Gabriel ist darin ein Profi.

Aber, wie wir wissen, nicht nur darin. Man muss sich nur mal vorstellen, was für Gespräche möglich wären, wenn Gabriel die Geschichte seines Vaters, seine Auseinandersetzung mit dem Revanchismus und den Ressentiments dieses Mannes mit der Analyse einer Partei wie der AfD und der rechtspopulistischen Bewegungen überall in Europa in Beziehung setzte. Wenn er Themen der Familien- oder Jugendpolitik mit der Glaubwürdigkeit eigener Erfahrungen angehen würde: Als er mit zehn Jahren endlich zu seiner Mutter ziehen durfte, bereitete er ihr vor allem Sorgen, zerstach Reifen, klaute, schoss mit Zwillen auf Straßenlaternen.

Durch seine Geschichte würde, was er sagte, unverwechselbar werden und, weil er sich in der Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit so beeindruckend klug und selbstreflektiert gezeigt hat, unbedingt interessant sein. Seit er vor drei Jahren öffentlich über seine Herkunft gesprochen hat, hält er sich mit seiner eigenen Geschichte aber zurück. Er tut es mit Erfolg. Wer er ist, ist schon wieder in Vergessenheit geraten. Er steht so konturlos da wie in der Zeit vor den überraschenden und berührenden Einblicken. Das mag den Beratern gut gefallen und noch viele weitere glattgebügelte Interviews ermöglichen. Menschen und Wahlen gewinnt man so aber nicht.

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