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Ein runder Mann mit Kanten : Sigmar Gabriels verschwundenes Buch

Das Eingeständnis von Ohnmacht, der selbstkritische Ton – sie können den Beratern Gabriels nicht gefallen haben. Und tatsächlich ist das nicht nur bei Sigmar Gabriels Buch so. Der Programmleiter eines großen deutschen Verlags, der viele Politikerbücher betreut, begleitet und lektoriert hat (und hier auch nicht namentlich genannt werden will – das scheint, wo Politik im Spiel ist, extrem heikel zu sein), erzählt, dass Politikerbücher gerade in der Phase der Autorisierung enorm mühsam seien. Da habe er schon Fälle gehabt, in denen das Manuskript vor der Publikation verschiedenen Parteigremien vorgelegt werden musste und die unterschiedlichen Instanzen noch etwas hinzufügen wollten. Die ursprüngliche Schärfe eines Textes sei auf diese Weise verloren gegangen, die Bücher seien am Ende langweilig geworden. Übrigens hätten sie sich in ihrer Langweiligkeit auch nicht besonders gut verkauft.

Die immer wieder verpasste Chance

Sigmar Gabriels Gesprächsbuch ist deshalb ein symptomatisches Beispiel für eine immer wieder verpasste Chance: Jemand, der in seiner Lebensgeschichte die aufwühlendsten Erfahrungen gemacht hat, der sie reflektiert und sich selbst dabei in Zweifel zieht, entscheidet sich – oder lässt sich überreden – daraus keine größere Sache zu machen. Er zieht sich lieber wieder in die Kontur- und Geschichtslosigkeit zurück. Man kann das, ehrlich gesagt, überhaupt nicht fassen.

Immerhin hat Gabriels politisches Umfeld ziemlich eindrucksvoll vor Augen geführt, wie wichtig Herkunft als Kategorie auch für die Politik sein kann: Gerhard Schröders Aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen, Vater im Krieg gefallen, Mutter, die sich durchschlagen muss, ihn, seine Schwester und drei Halbgeschwister großzieht („Wir waren die Asozialen“), hat ihn in seiner Politik für viele ganz sicher nachvollziehbarer gemacht und ihm eine Volksnähe garantiert, von der er klar profitierte. Und selbst Joschka Fischers Straßenkämpfe und Hausbesetzerzeiten haben ihn, als sie bekannt wurden, für die meisten als Politiker nicht unbeliebter gemacht, obwohl sie im Widerspruch zum Amt des damaligen Außenministers standen.

Natürlich ist keiner verantwortlich

Sigmar Gabriel aber will die Auskunft darüber, wie er der geworden ist, der er ist, offensichtlich lieber nicht zum Motor seines politischen Handelns und seiner Selbstdarstellung machen. Verantwortlich ist dafür natürlich niemand: Tobias Dünow, bislang Pressesprecher des Wirtschaftsministers Gabriel, jetzt Leiter der Kommunikation der SPD im Willy-Brandt-Haus sagt: „Nö“, da müsse man nicht ihn fragen, er, der Sprecher, habe das Buch nicht geschrieben (ach!), er habe es auch nicht gelesen, da müsse man den Verlag fragen oder den Autor. Bernd Ulrich wiederholt, was er vor zwei Jahren schon mal dem „Spiegel“ gesagt hat (um genau zu sein: er wiederholt es nicht, er sagt, dass er nicht mehr sage als die beiden Sätze, die im „Spiegel“ standen, man könne sich die gerne raussuchen). Sie lauten: „Ich habe einen Großteil meiner Arbeit fertiggestellt und Gabriel ein Manuskript zukommen lassen. Auf seinen Wunsch hin wurde das Projekt auf unbestimmte Zeit verschoben.“

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