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Ein runder Mann mit Kanten : Sigmar Gabriels verschwundenes Buch

Sigmar Gabriel auf dem Bundesparteitag der SPD

Die Selbstenthüllung kam völlig überraschend. Eben hatte Gabriel noch nahezu geschichtslos dagestanden, jetzt gab er sich zu erkennen, hatte eine Geschichte, durch die er Kontur gewann und die natürlich dazu führte, dass man ihn anders wahrnahm. Was er erzählte, war aber nur das eine. Fast noch wichtiger war der Ton, in dem er es erzählte, weil dabei etwas mitschwang, was man in der Rede von Politikern selten findet: ein Moment des Selbstzweifels. „Gabriel fürchtet manchmal, dass ein Stück vom Vater in ihm steckt. Er misstraut sich selbst“, schrieb Bernd Ulrich, was dick aufgetragen klang, aber womöglich gar nicht war.

Denn als in den darauffolgenden Monaten der SPD-Vorsitzende in Fernsehtalkshows zu diesem Thema zu sehen war, einmal bei Anne Will, eindrucksvoll vor allem aber nach der Ausstrahlung des ZDF-Dreiteilers „Unsere Mütter, unsere Väter“, bei Günther Jauch, erweckte er tatsächlich den Eindruck, den Selbstzweifel zu verkörpern: Sein Auftreten war zurückgenommen, fast demütig und ruhig. Er sprach ungewohnt leise. Und er zeigte sich in der Frage, wie Deutschland zu dem Land geworden ist, das es jetzt ist, und in welches Verhältnis wir uns zu der Geschichte unserer Großväter und Großmütter, Väter und Mütter setzen, durchgehend selbstkritisch, an keiner Stelle selbstgerecht.

Die professionellen Glattbügler

„Was ist Politik für einen Menschen mit dieser Vergangenheit, was bedeutet Macht für jemanden, dessen primäre Lebenserfahrung Ohnmacht war?“, stand in der Ankündigung des niemals erschienenen Buchs (das bei Amazon übrigens immer noch gelistet wird, Erscheinungstermin: 31. Dezember 2016, ist aber falsch, sagt der Verlag). Und eigentlich sollte das Ganze da erst anfangen, spannend zu werden. Dass ein Politiker eine interessante Biographie hat, ist das Eine.

Bedeutsam für das Politische wird es dort, wo die Ambivalenzen, Widersprüche und Brüche der Biographie mit denen des politischen Lebens in Beziehung treten. Wo sie in eine Gemengelage geraten. Da wird es kompliziert, manchmal unübersichtlich. Da geraten die üblichen Maßstäbe der Wahrnehmung von Politik ins Wanken, können die Dinge für ein smartes Öffentlichkeitsimage ohne weiteres auch nicht glattgebügelt werden, was diejenigen, die professionell mit dem Glattbügeln beschäftigt sind, in Panik versetzt: die Berater, Anwälte, manchmal sogar die Politiker selbst.

So ähnlich muss es auch bei „Zweieinhalb Leben“ gewesen sein. Jedenfalls hat es jemand, der damals damit befasst war und der namentlich nicht zitiert werden will, so geschildert, als vor drei Jahren um das Buch noch gerungen wurde. Die verbreitete Ansicht unter Politik-Beratern sei, dass Politiker für die Bürger Vorbilder sein sollen, wovon Brüche in der Biographie ablenkten, wenn sie nicht überhaupt verhinderten, den Politiker als Vorbild zu akzeptieren.

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