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Russischer Dichter : Wussten Sie schon, dass Tolstoi ein Hipster war?

Wird das ein Birdie? Tolstoi holt in seinem Landgut Jasnaja Poljana 1909 beim „Gorodki“, der russischen Art des Golfspiels, aus. Bild: Culture Images

Er war Vegetarier, fuhr Fahrrad, fertigte Stiefel und schoss das erste russische Selfie: Lew Tolstoi kann als früher Hipster betrachtet werden. Doch das gefällt einigen nicht.

          Wenn es hip ist, sich gesund zu ernähren, Sport zu treiben, neue technische Geräte auszuprobieren und Autoritäten abzulehnen, so war der russische Romancier Lew Tolstoi ein hundertprozentiger Hipster. Die Moskauer Journalistin Maria Bessmertnowa hat dem Autor von „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ zu seinem 188. Geburtstag diesen Ehrentitel zugesprochen. Denn wenn heute der urbane Bohemien auch in Moskau oder Jekaterinburg auf Biolebensmittel Wert legt, Fahrrad fährt, Bart und Sackleinen trägt, aber auch die jüngsten technischen Spielzeuge nutzt, so ist dies ein Lebensstil, den Tolstoi vor weit mehr als hundert Jahren vormachte, erklärt Bessmertnowa in der Zeitung „Kommersant“. Der Graf im Bauernkittel hat sich auch in seiner Revolutionierung des Alltags als prophetisch erwiesen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Tolstoi wurde mit fünfzig Jahren Vegetarier, fortan aß er außer Brot vor allem Getreidemus, Kartoffel- und Gemüsesuppen, wie sie heute auch schicke Cafés in Moskau und St. Petersburg servieren, zumal zur Fastenzeit. Sein Gesundheitszustand habe sich merklich verbessert, behauptete der Schriftsteller. Die Entscheidung war allerdings ethisch motiviert durch die Überzeugung, zu der er während der Arbeit am Eheroman „Anna Karenina“ kam: Nur Enthaltsamkeit – von sexueller Lust, übermäßigem wie allzu raffiniertem Essen, Gewalt, auch gegen Tiere – könne die Menschheit weiterbringen. Auch indem er den Adelsrock ab- und das Russenhemd anlegte, nahm Tolstoi den Trend des zwanzigsten Jahrhunderts zum demokratischen „Dressing Down“ vorweg. Wobei ihn, wie vielleicht manchen Millionär im Jeanslook, das schlechte soziale Gewissen nicht losließ. Angesichts eines Fotos, das ihn im Pilgerrock mit Reisesack zeigte, bemerkte er gegenüber einem Freund: „Wenn der Lew Nikolajewitsch doch nur wirklich so wäre!“

          Fitness und Selfies

          Dafür war er ein Pionier des Fahrradfahrens. 1895 schenkte die Moskauer Fahrradfahrergesellschaft dem damals 67 Jahre alten Tolstoi ein englisches Zweirad. Der Geistesfürst war ein Fitnessfanatiker, der Sport auch bei seinen Zeitgenossen populär machte. Regelmäßig trieb er Gymnastik, Hanteltraining, spielte Tennis, rannte, schwamm. Auch das Fahrradfahren lernte er leicht und brachte es sogleich seinen Kindern bei. Tolstoi schätzte diese Fortbewegungsart, weil sie, wie er feststellte, geistig besonders erholsam sei. Beim Gehen oder Reiten arbeiteten die Gedanken weiter, hatte er bemerkt, beim Fahrradfahren jedoch müsse man ständig auf Unebenheiten oder Steine auf dem Weg aufpassen, Denken sei da ausgeschlossen. Doch schon notierte der Moralist zerknirscht im Tagebuch, er träume „egoistisch“ vom freien Fahrradfahren.

          Tolstoi war zudem der erste russische Schriftsteller, der einen Phonographen benutzte. Mit dem Gerät, das ihm 1908 sein Erfinder Thomas Edison persönlich übersandt hatte, nahm er literarische und publizistische Texte, Briefe und Märchen auf und spielte sie Bauernkindern in der Dorfschule seines Guts Jasnaja Poljana vor. Außerdem ist überliefert, dass der greise Tolstoi, der schon seit 1903 ein Grammophon besaß, mit Begeisterung Vinylplatten mit fetziger volkstümlicher Tanzmusik lauschte. Und mit seiner Kamera schoss er schon 1862 ein Selbstporträt, wohl das früheste russische Selfie.

          Alternativer Pädagoge und Bookcrosser

          Als er berühmt war und merkte, dass er den Ruhm genoss, stürzte ihn das in eine tiefe Krise. Da entschied der Schriftsteller, sein Handwerk sei sinnlos, und ging mit Ende fünfzig bei einem Schuhmacher in Jasnaja Poljana in die Lehre. Tolstois höchst professionell selbstgefertigte Stiefel – er beschuhte auch Familienangehörige und Freunde – kann man jetzt noch auf dem Museumsgut bestaunen. Damals hatte er sich durch seine alternative Pädagogik, den antiautoritären Unterricht für Bauernkinder an seiner Dorfschule auch international einen Namen gemacht. In dieser kostenlosen Grundschule wurde kein Kind geschlagen oder bestraft, auch nicht fürs Zuspätkommen; doch zu den Unterrichtsstunden in Lesen, Schreiben, Rechnen, Zeichnen, Ethik, Geschichte und Gesang kamen die Schüler freiwillig, oft von weit her, bis die Anstalt auf Druck der zaristischen Behörden geschlossen wurde.

          Viele arme Bauern gingen den Gutsherrn um Hilfe an. Er unterstützte sie möglichst nicht durch Almosen, sondern praktisch und nachhaltiger, etwa indem er beim Bau eines Ofens, einer Scheune oder bei der Ernte behilflich war. Aus der kostbaren Bibliothek des privilegierten Kritikers des Privateigentums durften Gäste Bücher mit nach Hause nehmen; daher bezeichnet Bessmertnowa Tolstoi als ersten praktizierenden „Bookcrosser“. Für die Entwicklungshilfe, die er der Landbevölkerung leistete, hassten ihn viele Adelige, und die damals wie heute autoritätsversessene orthodoxe Kirche exkommunizierte ihn. Dafür hat er die Flutwelle der historischen Nemesis noch über den eigenen Tod hinaus brechen können. Nach der Oktoberrevolution hinderten die Bauern von Jasnaja Poljana das aufgebrachte Volk daran, das Gut des seiner Zeit zu weit vorausgeeilten Grafen zu verwüsten.

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