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Emmanuel Carrère : Scheidung mit Schreibverbot

Der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère im Februar 2016. Bild: AFP

Emmanuel Carrère gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren Frankreichs. Doch sein Privatleben sorgt dafür, dass er den begehrten „Prix Goncourt“ trotzdem nicht bekommen wird.

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          Längst hätte er ihn bekommen müssen, den „Prix Goncourt“, die begehrteste literarische Auszeichnung, die Frankreich zu vergeben hat. Emmanuel Carrère gehört zu seinen erfolgreichsten Schriftstellern, im Ausland wird er zusammen mit Michel Houellebecq als emblematischer Vertreter der französischen Literatur wahrgenommen. Ein Dutzend Romane hat er in dreißig Jahren publiziert; die besten sind auch in Deutschland erschienen: „Julies Leben“, „Der Widersacher“, „Alles ist wahr“ und zuletzt „Das Reich Gottes“.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Beim Goncourt aber scheiterte er bislang stets am Einwand des französischen Literaturpapstes Bernard Pivot: Carrères Bücher wären keine Romane, denen der Preis doch vorbehalten sei. Ihr Stoff ist aber immer Carrères Leben und das seiner realexistierenden Nebenfiguren. Doch diesmal sollte und würde es klappen, auch weil Pivot zurückgetreten ist. So, wie es zuguterletzt auch bei Houellebecq geklappt hatte, den die Juroren jahrelang übergangen hatten, bevor sie vor seiner nicht mehr zu leugnenden literarischen Bedeutung kapitulierten. In zwei Monaten, so dachte man, würde Carrères neues Buch zum „Roman des Jahres“ ausgerufen: „Yoga“.

          Ein großes Geschenk

          Weil der Schriftsteller, der an einer bipolaren Störung leidet, auch bei den Frühchristen, die Thema in „Das Reich Gottes“ sind, sein Seelenheil nicht finden konnte, kehrte er zur Meditation zurück. Eine „heitere und subtile“ kleine Schrift sollte „Yoga“ werden. Und so lesen sich die ersten fünfzig Seiten auch. Doch dabei ist es nicht geblieben. Vier Monate verbrachte Emmanuel Carrère in der psychiatrischen Klinik Saint-Anne, mit Elektroschocks wurde er dort behandelt. Er reiste zu den Flüchtlingen auf der griechischen Insel Leros. Es geht im Buch aber auch um das Attentat auf „Charlie Hebdo“, bei dem sein Freund Bernard Maris ums Leben kam, der damals seit zwei Jahren mit der Fernsehjournalistin Hélène Devynck zusammenlebte. In der Leichenhalle kommt es zu einer Schlüsselszene des Romans: Hélène trifft auf die Familie der beiden Terroristen, die auf der Flucht von der Polizei erschossen wurden. Noch war sie im zivilen Leben mit Carrère verheiratet.

          Dessen Lesern ist Hélène Devynck aus vielen seiner Romane vertraut. Ihr Leben mit dem Schriftsteller empfand sie als „großes Geschenk“. Dennoch erfolgte im März die Scheidung, und offenbar wurde die mit einem Vertrag besiegelt, der es dem Schriftsteller verbietet, weiterhin über ihr Leben zu schreiben. Vor ein paar Tagen veröffentlichte Devynck in „Vanity Fair“ eine „Gegendarstellung“. Darin ist zu lesen: „Während wir zusammenlebten, durfte Emmanuel meine Worte verwenden und meine Ideen, meine Trauer und meinen Kummer, meine Sexualität verwerten.“ Doch die Zustimmung gelte nicht mehr.

          Unkontrollierte Aggressionen

          Gelassen antwortete Carrère in „Libération“ und bedankte sich, dass sie zu ihm gehalten habe, als er in der Klinik war. Inzwischen jedoch wurde bekannt, dass Hélène Devynck einen beachtlichen Einfluss auf den Roman hatte nehmen können und seitenweise Passagen, die ihr nicht gefielen, gestrichen wurden. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie gar nicht so sehr wegen der Verletzung ihrer Privatsphäre reagiert. Sondern dass sie bedauert, dass sie in „Yoga“ nur noch am Rande existiert – und keineswegs in einem ungünstigen Licht erscheint.

          Die Scheidung in der Literatur ist wohl schwerer zu verkraften als im vergänglichen Leben. Unerbittlich attackiert Devynck nun das „despotische Ego“ ihres Ex-Gatten und erwähnt seine unkontrollierten Aggressionen, deren Opfer sie gewesen sei und die er verschweige. Einen Lügner schilt sie ihn: Im Roman erfolgt die Reise auf die Flüchtlingsinsel „zum Elend der Welt“, von dem er sich Heilung seiner existentiellen Leiden versprach, im Anschluss an den Aufenthalt in der Klinik. Umgekehrt sei es gewesen, und der Ausflug habe nicht zwei Monate, sondern nur ein paar Tage gedauert, „ich war teilweise dabei“.

          Die erfahrene Journalistin kennt die Spielregeln des Pariser Literaturbetriebs. Ihre Rache zielt auf den Goncourt, dem es doch „daran liegt, nicht autobiographische Schriften, sondern Romane zu küren“, unterstreicht sie in ihrer Gegendarstellung. „Yoga“ sei „die Fabel eines nackten Mannes“. Die wenigen fiktiven Elemente habe er nur eingefügt, um den Scheidungs- und Schweigevertrag auszuhebeln – mit dem Nebeneffekt, dass sie auch noch die Goncourt-Juroren täuschen könnten. Doch nein, die lassen sich nicht düpieren. Soeben haben sie „Yoga“ aus ihrer Vorauswahl eliminiert. Sie übergehen damit einen großartigen Gegenwartsroman, in dem die Depression eines Schriftstellers zur Metapher für die Depression des ganzen Landes wird.

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