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Warschauer Buchmesse : Die Königin wohnt nicht im Kulturpalast

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Dorota Maslowska und die Folgen: Auf der Warschauer Buchmesse ist die junge polnische Literaturszene zu entdecken.

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          Das polnische Fräuleinwunder ist schon Mutter geworden. Vor drei Jahren wirbelte die damals neunzehnjährige Dorota Maslowska die polnische Literaturszene mit einem Bestseller auf, den sie während ihrer Abiturvorbereitungen geschrieben hatte.

          „Polnisch-russischer Krieg unter weiß-roter Fahne“ (unter dem etwas unglücklichen Titel "Schneeweiß und Russenrot" 2004 auf deutsch erschienen) war ein kalter Blick auf die orientierungslose Vorstadtjugend zwischen Party, Drogen, Sex und weltanschaulichem Nonsens, ein sprachgewaltiger "Fänger im Roggen" aus der polnischen Provinz, und avancierte über Nacht zum Skandal- und Kultbuch mit über 140.000 verkauften Exemplaren und zahlreichen Übersetzungen. Die Geschichte der jüngsten polnischen Gegenwartsliteratur läßt sich seitdem einteilen in eine Zeit vor und eine nach Maslowska.

          Verschiebung literarischer Kraftfelder

          Die Vorstellung ihres neuen Buchs war naturgemäß einer der Höhepunkte der gerade zu Ende gegangenen Buchmesse im Warschauer Kulturpalast. Vom verzierten Parkettboden der neoklassizistischen Prunksäle unter gewaltigen Kronleuchtern begab man sich dafür in die engen Räume der alternativen Kunstgalerie, wo Maslowskas Kleinverlag "Lampa" untergebracht ist - ein Ortswechsel, der durchaus symptomatische Aussagekraft hat für die Verschiebung der literarischen Kraftfelder. Die polnische Öffentlichkeit hat den Underground entdeckt - und der traditionelle Literaturbetrieb muß sich damit auseinandersetzen.

          Man hätte etwa gern gewußt, was wohl der ältere Herr im Anzug und mit Aktentasche gedacht hat, als er sich bei Dub-Musik zwischen den Bierflaschen schwenkenden Jugendlichen auf einem alten Sofa neben dem Chiapas-Kaffee-Verkauf wiederfand, vielleicht zwischen Kommilitonen von Maslowska, auf deren Auftritt man bei lauter Dub-Musik gespannt wartete. Nach dem Debüt-Hype hat die Autorin in Warschau ein geisteswissenschaftliches Studium begonnen und ein Kind bekommen.

          In der Babypause ist ihr zweites Buch entstanden, eine hundertfünfzigseitige, komplett in HipHop-Versen verfaßte Abrechnung mit den am eigenen Leib erlebten Mechanismen des Medienbetriebs, der geistigen Verödung und dem allgegenwärtigen Konsumterror: "Das Evangelium nach MC Doris" überschrieb die polnische Ausgabe von "Newsweek" ihre Titelgeschichte, Kritiker überschlugen sich im Lob der sprachschöpferischen Kraft dieser bitteren und selbstironischen Demaskierung der polnischen Gegenwart.

          Der Gegenwart ausgewichen

          Dorota Maslowska ist die bekannteste und wohl auch schillerndste Vertreterin einer breiten Strömung der jungen polnischen Literatur, die gesellschaftliche Probleme als Thema entdeckt. Piotr Marecki, Herausgeber der für die junge Szene wichtigen Literaturzeitschrift "Ha!art", beobachtet seit etwa fünf Jahren eine Abkehr von der weltabgewandten Innerlichkeit der neunziger Jahre, für die etwa auch in Deutschland bekannte Autoren wie Olga Tokarczuk oder, mit Einschränkungen, auch Andrzej Stasiuk stehen. Auch die Danziger Schule um Stefan Chwin und Pawel Huelle richtet den Blick eher melancholisch oder ironisch-nostalgisch auf eine für immer verschwundene Vorkriegswelt.

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