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Walter Kempowski : Der macht den Kopf frei

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Entpathetisierer unseres Denkens: Walter Kempowski Bild: dpa

Viel zu lange galt der Bestseller-Autor Walter Kempowski im Literaturbetrieb als Außenseiter. Das hat sich gründlich geändert. Das Werk des skeptischen Freigeistes erlebt eine Renaissance - mit guten Gründen.

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          Dreisatz eines deutschen Lebens: Jemand musste Walter K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Jemand musste Walter K. verkannt haben, denn ohne dass er jemals etwas Schlechtes geschrieben hätte, wurde er jahrzehntelang missachtet. Jemand musste Walter K. erkannt haben, denn ohne dass er etwas anderes getan hätte als seine Pflicht (sein Bestes), wurde er eines Tages gepriesen.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Was ist eigentlich los, dass dieser Schriftsteller nun quasi heimgeholt wird, dass auf einmal Bundes- und Akademiepräsidenten zur Eröffnung seiner Ausstellung kommen und von dem Stolz sprechen, den sie und das ganze Land auf ihn empfinden? Es wäre weltfremd anzunehmen, seine Krankheit spielte dabei keine Rolle; das ist nun einmal so, und Walter Kempowski wäre der Letzte, der daraus eine große Sache machen würde. Aber es hat auch in den vergangenen Jahren an Ehrungen nicht gemangelt.

          Ein wenig abtauchen

          Es stimmt leider: Walter Kempowski ist schwerkrank, aber es liegt nicht nur daran, dass ihm schlecht wird, sobald es feierlich wird, so dass ihm nun sogar schon die Thomas-Mann-Tagebücher zum Hals heraushängen. Als ich ihn kürzlich, einen Tag vor Himmelfahrt, im Krankenhaus besuchte - seine wunderbare Frau holte mich mit dem Auto vom Bahnhof ab, es regnete in Strömen, in einem Café besorgten wir noch Kuchen -, da kam ein Arzt mit Pflegern herein: Visite. Verlegen machte ich Anstalten, das Zimmer zu verlassen, aber Kempowski bedeutete mir, ich könne ruhig dableiben.

          So stand ich eine Weile am Fenster, bemüht, einigermaßen diskret zu wirken, und starrte in den Regen. (Vielleicht hat Kempowski das auch bloß aus Höflichkeit gesagt und sich im Stillen doch darüber geärgert, dass der Besucher dickfellig dablieb?) Trotz der Mühe, die es kostete, das Gespräch nicht zu belauschen, war dann aber zu hören, wie der Arzt etwas von einer örtlichen Betäubung sagte, die man demnächst für einen kleinen Eingriff vornehmen werde. Und Kempowski fragte, wie nur er fragen kann: „Örtlich? Wieso nur örtlich? Kann man das nicht unter Vollnarkose machen? Ein wenig abzutauchen, wie? Dagegen ist doch nichts einzuwenden.“

          Wir haben ihn bitter nötig

          Wie man es dann tatsächlich gemacht hat, gehört hier nicht her. Aber in dem Abtauchen, gegen das nichts einzuwenden sei - wie recht hat er! -, steckt der ganze Kempowski: sein Understatement, die Furcht, prätentiös zu wirken, die Liebe zur Alltagssprache, das Bedürfnis, die Dinge herunterzuspielen. Wo andere das aufgebauscht hätten, bringt er es lässig aufs Niveau von Genussmitteln, eines mehr dem Vergnügen, dem Rausch als der Gesundheit, dem Weiterleben dienenden Vorgangs. Oder wusste er, dass jemand von der Zeitung es doch mitbekommen hat? Hat er das am Ende nur gesagt, damit der Lauscher es weitersage? Zuzutrauen wäre es ihm.

          Eines steht jedenfalls fest: In unseren mal abstoßend rührseligen, mal panisch verbissenen Zeiten haben wir ihn bitter nötig - als lebenden Vorwurf gewissermaßen, der uns unablässig sagt, dass wir uns doch einfach zusammenreißen und unsere Arbeit tun sollen, wie sein Vater ihm in seinen Romanen manchmal erscheint: mit Monokel und skeptischem, aber irgendwie auch gütigem Ausdruck. Was wir brauchen, ist eine Entideologisierung, eine Entpathetisierung unseres Denkens, Redens und Schreibens, und zwar in jeder Hinsicht.

          Auch bei den angenehmen Dingen des Lebens kann es nicht schaden, wenn man einfach mal halblang macht - beim Wetter, beim Urlaub: „Es ist jetzt schon so weit, dass sie einem am Donnerstag ein angenehmes Wochenende wünschen. Ab Freitagmittag sind alle Behörden dicht. Wenn sie das ganze Wochenende Bücher lesen würden, wäre es mir recht. Was machen sie bloß mit ihrer Freizeit?“ Nutzen wir die unsere, nutzen wir beispielsweise schon den nächsten Feiertag oder, falls jemand sich einen Brückentag genehmigt - was aber nicht in Kempowskis Sinne wäre! -, das wieder einmal sehr lange Wochenende dazu, die Tagebücher zu studieren. Das macht den Kopf frei.

          Er hat sich mit sich selbst abgefunden

          Kempowski nimmt keine Rücksicht, auch nicht auf sich selbst. Am 2. Dezember 1990, dem ersten gesamtdeutschen Wahlsonntag, notiert er sich: „Joachim Fest plädiert für Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses in der F.A.Z. - Alles sollen sie wieder aufbauen, schon allein aus Trotz.“ Aus Trotz! Solche Empfindungen wären so ziemlich das Letzte, was sich jemand in Debatten vorwerfen lassen will. Er aber ist, voller ehrlicher Ranküne, auf sympathische Weise nachtragend; er hat ja auch Grund, persönlich etwas gegen die DDR zu haben, er bekennt sich zu seinen Affekten, und es ist ihm dabei egal, was die Leute denken. Er hat sich, wie es Martin Mosebach neulich formulierte, mit sich abgefunden, ohne deswegen selbstzufrieden zu werden (siehe auch: Die Ausstellung „Kempowkis Lebensläufe“ in Berlin).

          Genaugenommen hat Mosebach das über Alexander Sowtschick gesagt, Kempowskis Alter Ego aus den Romanen „Hundstage“ und „Letzte Grüße“. In ihn ist vieles eingegangen, das man für inopportun halten könnte, das aber zu einem wahrhaftigen Leben dazugehört. Man horche nur tief genug in sich hinein, dann findet man schon etwas. Und, wer weiß, vielleicht werden wir, wenn wir uns dazu bekennen, geistig ein wenig unabhängiger - werden wir Frei- und Starkgeister mit Kempowski!

          „Ich muss immer vorneweg“

          Mosebach sagte außerdem, dass Sowtschick „wahrscheinlich nur für sehr starke Naturen“ eine Identifikationsfigur sei. Es ist klar, wie er das meint. Und doch gibt es - man darf das hoffentlich sagen, ohne sich gleich zu den starken Naturen zählen zu wollen - weiß Gott Schlimmere als diesen Sowtschick. Einmal malt der sich aus, wie es wäre, einfach abzuhauen, und er sieht schon die Schlagzeile: „,Sowtschick verschwunden!' Was das wohl für eine Aufregung geben würde! In der Zeitung würde es stehen, und alle würden sagen: Ja! Wir haben ihn vernachlässigt! Wir hätten uns um ihn kümmern müssen!“ Tun wir das. Tun wir das am besten schon am Sonntag in der Berliner Akademie der Künste, wo, wenn alles gutgeht, Walter Kempowski seinen „Sammeltag“ hat und biographisches Material persönlich entgegennimmt (Näheres unter www.adk.de/kempowski).

          Wie jeder große Schriftsteller bezieht er alles auf sich - auf ehrliche, lehrreiche Weise. An einem Märztag 1990 beobachtet er Wildgänse: „Ich habe gelesen, dass die Leitgans sich ablösen lässt, alle halbe Stunde fällt sie zurück und überlässt einer anderen die Führung, so ähnlich wie die Radrennfahrer bei der Tour de France. - Bei mir gibt's keine Ablösung, ich muss immer vorneweg.“ Unterbrechen wir das allgemeine Geschnatter und ehren, lesen wir unseren Meister!

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