https://www.faz.net/-gqz-urrj

Walter Kempowski : Der macht den Kopf frei

  • -Aktualisiert am

Auch bei den angenehmen Dingen des Lebens kann es nicht schaden, wenn man einfach mal halblang macht - beim Wetter, beim Urlaub: „Es ist jetzt schon so weit, dass sie einem am Donnerstag ein angenehmes Wochenende wünschen. Ab Freitagmittag sind alle Behörden dicht. Wenn sie das ganze Wochenende Bücher lesen würden, wäre es mir recht. Was machen sie bloß mit ihrer Freizeit?“ Nutzen wir die unsere, nutzen wir beispielsweise schon den nächsten Feiertag oder, falls jemand sich einen Brückentag genehmigt - was aber nicht in Kempowskis Sinne wäre! -, das wieder einmal sehr lange Wochenende dazu, die Tagebücher zu studieren. Das macht den Kopf frei.

Er hat sich mit sich selbst abgefunden

Kempowski nimmt keine Rücksicht, auch nicht auf sich selbst. Am 2. Dezember 1990, dem ersten gesamtdeutschen Wahlsonntag, notiert er sich: „Joachim Fest plädiert für Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses in der F.A.Z. - Alles sollen sie wieder aufbauen, schon allein aus Trotz.“ Aus Trotz! Solche Empfindungen wären so ziemlich das Letzte, was sich jemand in Debatten vorwerfen lassen will. Er aber ist, voller ehrlicher Ranküne, auf sympathische Weise nachtragend; er hat ja auch Grund, persönlich etwas gegen die DDR zu haben, er bekennt sich zu seinen Affekten, und es ist ihm dabei egal, was die Leute denken. Er hat sich, wie es Martin Mosebach neulich formulierte, mit sich abgefunden, ohne deswegen selbstzufrieden zu werden (siehe auch: Die Ausstellung „Kempowkis Lebensläufe“ in Berlin).

Genaugenommen hat Mosebach das über Alexander Sowtschick gesagt, Kempowskis Alter Ego aus den Romanen „Hundstage“ und „Letzte Grüße“. In ihn ist vieles eingegangen, das man für inopportun halten könnte, das aber zu einem wahrhaftigen Leben dazugehört. Man horche nur tief genug in sich hinein, dann findet man schon etwas. Und, wer weiß, vielleicht werden wir, wenn wir uns dazu bekennen, geistig ein wenig unabhängiger - werden wir Frei- und Starkgeister mit Kempowski!

„Ich muss immer vorneweg“

Mosebach sagte außerdem, dass Sowtschick „wahrscheinlich nur für sehr starke Naturen“ eine Identifikationsfigur sei. Es ist klar, wie er das meint. Und doch gibt es - man darf das hoffentlich sagen, ohne sich gleich zu den starken Naturen zählen zu wollen - weiß Gott Schlimmere als diesen Sowtschick. Einmal malt der sich aus, wie es wäre, einfach abzuhauen, und er sieht schon die Schlagzeile: „,Sowtschick verschwunden!' Was das wohl für eine Aufregung geben würde! In der Zeitung würde es stehen, und alle würden sagen: Ja! Wir haben ihn vernachlässigt! Wir hätten uns um ihn kümmern müssen!“ Tun wir das. Tun wir das am besten schon am Sonntag in der Berliner Akademie der Künste, wo, wenn alles gutgeht, Walter Kempowski seinen „Sammeltag“ hat und biographisches Material persönlich entgegennimmt (Näheres unter www.adk.de/kempowski).

Wie jeder große Schriftsteller bezieht er alles auf sich - auf ehrliche, lehrreiche Weise. An einem Märztag 1990 beobachtet er Wildgänse: „Ich habe gelesen, dass die Leitgans sich ablösen lässt, alle halbe Stunde fällt sie zurück und überlässt einer anderen die Führung, so ähnlich wie die Radrennfahrer bei der Tour de France. - Bei mir gibt's keine Ablösung, ich muss immer vorneweg.“ Unterbrechen wir das allgemeine Geschnatter und ehren, lesen wir unseren Meister!

Weitere Themen

Filmkomponist Ennio Morricone verstorben Video-Seite öffnen

Spiel mir das Lied vom Tod : Filmkomponist Ennio Morricone verstorben

Die italienische Filmmusik-Legende Ennio Morricone ist tot. Er starb im Alter von 91 Jahren in einer Klinik in Rom. Morricone gilt als einer der größten Komponisten der Filmgeschichte. Berühmt wurde er unter anderem mit Titelmelodien den Kultfilm „Spiel mir das Lied vom Tod“.

Topmeldungen

Aufregung in Spanien : Barcelona wittert Verschwörung im Videokeller

Hartnäckig hält sich die Legende, Real Madrid gewinne seine Titel mit Hilfe der Schiedsrichter. Nun entscheidet der Videoreferee mehrfach für die Königlichen. Die Gegner schimpfen. Dafür erhält Real unerwartete Rückendeckung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.