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Walter Jens zum Geburtstag : Der Linke als Zauberbergsteiger

  • -Aktualisiert am

Hansdampf in allen Geistesgassen: Walter Jens Bild: picture-alliance/ dpa

Er ist der Settembrini, der uns und die ganze Bundesrepublik auf Tübinger Geistesklettertouren mitnahm: der Aufklärer, Rhetor, Kritiker und Hochschullehrer Walter Jens, der an diesem Samstag fünfundachtzig wird.

          Das erste Wort, das mich am ersten Tag meines Studiums in Tübingen staunen machte, kam von den leicht verkniffenen, aber durchaus vergeistigten Lippen meiner Zimmerwirtin und klang so streng wie emphatisch, mit einer Hautgout-Nuance von Schwarmgeisterei: „Waren Sie schon bei Jens?“ Als hätte man gar kein Recht, in Tübingen zu sein, wenn man nicht zuallererst bei Jens war.

          „Tout Tübingen“, fuhr meine Wirtin fort - und betonte dies „tout Tübingen“, als hätte diese Universitätswucherung mit angeschlossener Kommune damals im Herbst 1968 nicht aus einer ziemlich verlotterten, verdreckten, von einem stinkenden Kloakenrinnsal durchzogenen Altstadt und behäbig drum herum gruppierten Vierteln und noch recht dörflich miefenden Neckar-Vororten bestanden, sondern als wäre es ein Klein- Paris - „tout Tübingen“ also sei bei Jens. Er lese über die „Deutsche Literatur im zwanzigsten Jahrhundert“ oder über Lessing (oder Thomas Fonta-, äh, Mann?), das sei ja völlig egal, Hauptsache, Jens. Den Hausschlüssel bitte immer unter die Fußmatte, Duschen nur nach Voranmeldung und natürlich keine Damenbesuche, „gehen Sie lieber zu Jens“.

          Keuchend knarzende Stimme

          Und wenn man dann zu ihm ging, wenn man diesen hageren, hochgeschossenen Mann in Aktion erlebte, wie er immer leicht gebückt schusselschlurfend zum Katheder eilte, seine langen, etwas wirr zurückgekämmten, wiewohl ungebändigten Haare wie in einem seltsamen Hörsaalwind wehten, er das brechend volle Auditorium maximum mit seiner keuchend knarzenden Stimme füllte, die sozusagen hinreißend zungendialektisch davon kündete, dass dem bekennenden Asthmatiker das Atmen sehr schwer, dem virtuosen Rhetoriker das Sprechen aber unheimlich leicht fiel, und wenn er dann seine Vorlesung nicht einfach vortrug, sondern mit weit ausholenden Armen, gleichsam sich selbst dirigierend, in Thesen und Antithesen und Synthesen aus dem rechten, aber lieber immer noch aus dem linken Ärmel schüttelte - dann begriff man, warum nicht nur „tout Tübingen“, warum nicht nur Studenten und Professorenkollegen, sondern Bürger, Angestellte, Hausbesitzer, Gewerbetreibende, Schauspieler, Musiker, Lehrer und Stadträte ihm zu Füßen saßen und zuzeiten auch förmlich lagen. Sondern: warum dieser Mann eigentlich Tübingen war.

          Bei einer PEN-Tagung 1982

          Der gebürtige Hamburger, der studierte Germanist und Gräzist, der mit zweiundzwanzig promoviert, mit sechsundzwanzig habilitiert war, mit neunundzwanzig einen Lehrstuhl für Klassische Philologie innehatte, in der Wochenzeitung „Die Zeit“ unter dem überhaupt nicht pseudonymen Pseudonym „Momos“ engagierte und enragierte Fernsehkritiken hinmeißelte, zusammen mit Joachim Kaiser, Marcel Reich-Ranicki und Reinhard Baumgart die Kritikerrolle in der „Gruppe 47“ sich teilte, Fernseh- und Hörspiele schrieb, sich als Dramatiker versuchte, das Neue Testament übersetzte, Romane verfasste, dem Deutschen Fußballbund zum Jahreskongress die Leviten las, den versammelten deutschen Sozialdemokraten eine politische Moral vorhielt, an der diese Partei schon damals nicht genesen wollte - dieser seltsam spröd-attraktive Hansdampf in allen Geistesgassen und Genregrenzen-Überspringer hatte in Tübingen in den frühen sechziger Jahren den Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik gegründet und bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1988 auch besetzt gehalten. Tübingen hatte damit etwas, was andere Universitäten nicht hatten. Darauf ist man dort bis heute stolz.

          Es ging nie um Kleines

          Es war immer ein wenig so, als habe der Lehrstuhlinhaber Jens die Toga übergestreift, wenn er durch Tübingen zur Aula oder auch nur zum „Kupferbau“, dem Vorlesungssälekomplex der Neuphilologen, eilte. Wo er auftauchte, wurde die Lokalität sofort zum Forum. Es ging, was er auch redete, nie um Kleines. Alleweil stand die Angelegenheit der res publica auf dem rhetorischen Spiel, immer ging es um das tua res agitur römischer Marktplatzrede. Es war wie in einem sehr ernsten Kostümfilm, in dem die Massen an den Lippen eines Tribunen hängen, der selbst nicht Macht hat, aber so über Macht redet, dass alle glauben, sie könnten danach die Welt und die Mächtigen wenn nicht schon ein wenig besser machen, so doch besser durchschauen. So war er wohl der Mann der Öffentlichkeit, der die theatralische Lehren Brechts am lupenreinsten aufs Rhetorische zu übertragen vermochte.

          Der universitäre Solitär machte aus seiner lehrstuhlbedingten Einzigartigkeit sofort eine allgemeine öffentliche Funktion. Anknüpfend an die im Lehrbetrieb vergessene und längst untergegangene antike und mittelalterliche Disziplin, belebte Jens die Lehre von der Technik und der Ideologie der wissenschaftlichen, politischen und literarischen Rede nicht nur theoretisch. Er wurde zum praktischen, aktuellen Anwender seiner historisch fundierten Lehren und Analysen. So dass er mühelos von Aristoteles zu Helmut Kohl, von Platon zu Reagan, von Lessing zu Willy Brandt springen konnte.

          Lehrer, Aufklärer und Wegweiser

          So betrachtete er die Stadt Tübingen und den deutschen Erdkreis, die Studenten, die Parteien, die Literaturen, die Regierungen, die Leser, die Hörer, die ganze Universitas als multiple Verkörperungen des einen jungen Mannes, der da unter dem Namen Hans Castorp den Zauberberg zu erklettern hat. Der in diesem Fall nicht im Davos des Thomas Mann, sondern im Tübingen des Walter Jens liegt. Und der Lehrer, Aufklärer und Wegweiser klettert mit, hilft dem jungen Mann über Stock und Stein, ist ihm ein gütig strenger Lehrender, ein Settembrini, ganz in Thomas Manns republikanischer Wolle gefärbt, mit Lessingschen und Rosa-Luxemburgschen und Ciceronischen („De re publica“) Exzerpten in der Rocktasche, der den Adepten aufs Pazifistische, Lichte, Gerechte, Soziale, literarisch und politisch wider die Mächtigen, aufs Antiklerikale, Antireaktionäre Gerichtete, kurz: aufs Gute hinweist. Und dieses Gute liegt naturgemäß streng linker Hand.

          Das Gerechte freilich geht nicht ganz ohne Selbst-Gerechtigkeit ab, das Emphatische dabei nicht ohne Kitsch, das links zu Denkende nicht ohne Denkverbote. Alles am rechten Wegrand nämlich, all das, was der böse, reaktionäre, klerikalfaschistische Naphta in Thomas Manns Jahrhundertroman verkörpert, liegt an der Abgrundkante des Zauberbergs. Und diese ward in Tübingen alleweil mit sicherem Schritt umgangen. So sicher, dass man gar nicht mehr spürte, dass der junge Gelehrte Jens damals im NS-Studentenbund durchaus auch sich vom völkisch Blutsmäßigen aus dem Abgrund herauf hat anhauchen lassen. Es galt später, in Tübingen, dann zwar das Motto, das Settembrini für Hans Castorp erwählte: placet experiri. Aber was da zu versuchen erlaubt wurde, stand nie in den Sternen, sondern fest. Auch wenn man linker Hand schon auch mal verdutzt Friedrich Nietzsches hohnlachendes Gespensterantlitz wahrnehmen durfte.

          Nathan der Große

          Und „tout Tübingen“, manchmal auch „tout alte BRD“ gab sich gerne und mit dem wohligen Schaudern, im richtigen und korrekten Denkabenteuer mitgeklettert zu sein, in die Hände des Zauberbergführers Walter Jens, der manchmal auch in der Maske Nathans, des wütend Weisen auftrat, wenn er sich weit nördlich von Tübingen in Mutlangen zur Sitzblockade gegen die Stationierung der amerikanischen Pershing-Raketen niederließ und anschließend dem Amtsrichter in Schwäbisch Gmünd ein rhetorisches Gefecht der Sonderklasse lieferte, in dem Jens das „Verruchte“, das in einer solchen Sitzblockade in Form einer Nötigung liege, dem Juristen als Verruchtheit der Amerikaner um die Ohren haute. Natürlich hatte der Amtsrichter recht. Aber Jens vermittelte das hingerissene Gefühl moralischer Rechtfertigung.

          Wenn es in Deutschland einen unbeirrten wahren, aufrechten Linken gibt, der weiß, was gerecht, wahr und aufklärerisch nötig ist, dann ihn. Er hat ganze Weltliteraturen (und Welten) daraufhin durchgesehen, durchgearbeitet und emphatisch und mit Schwung und Lust und Laune vermittelt, was den Schwachen und Unterlegenen, den Beherrschten und den Kämpfenden, den Außenseitern und Träumern, also jenen, so Jens, „jesuanischen“ Figuren gebührt, deren Reich immer erst noch kommen müssen soll. Was glühende Bekenntnisse des Antikapitalisten Jens zur superkapitalistischen Pharmaindustrie nicht ausschloss („Wer gegen Medizinfortschritt ist, bekommt es mit mir zu tun!“), deren avancierte Mittel ihm hoffentlich jetzt die beginnende und von seinem Sohn öffentlich gemachte Altersdämmerkrankheit (Vaters Vergessen), die ihm „meine Sprache sterben“ lässt, erträglicher machen und die ihm gegen lebenslanges Asthma und häufige depressive Schübe hinweghelfen, über die er genauso offen und öffentlich redete wie über die verdammte Pflicht der deutschen Fußballnationalmannschaft, „würdevoll gegen Kamerun zu verlieren“.

          Wenn man dann von Jens nach Hause ging, kam einem Tübingen immer gleich viel schöner vor. Man legte noch einmal so gern den Haustürschlüssel unter die Fußmatte, meldete sich liebevoll zum Duschen an, verlegte den Damenbesuch und wollte unbedingt die Welt verbessern. Mehr konnte man von uns Zauberlehrlingen nicht verlangen. An diesem Samstag ist der fünfundachtzigste Geburtstag des Alten vom Berge.

          Wir gratulieren ihm aus dankbarem Herzen.

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