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Walter Jens zum Geburtstag : Der Linke als Zauberbergsteiger

  • -Aktualisiert am

Nathan der Große

Und „tout Tübingen“, manchmal auch „tout alte BRD“ gab sich gerne und mit dem wohligen Schaudern, im richtigen und korrekten Denkabenteuer mitgeklettert zu sein, in die Hände des Zauberbergführers Walter Jens, der manchmal auch in der Maske Nathans, des wütend Weisen auftrat, wenn er sich weit nördlich von Tübingen in Mutlangen zur Sitzblockade gegen die Stationierung der amerikanischen Pershing-Raketen niederließ und anschließend dem Amtsrichter in Schwäbisch Gmünd ein rhetorisches Gefecht der Sonderklasse lieferte, in dem Jens das „Verruchte“, das in einer solchen Sitzblockade in Form einer Nötigung liege, dem Juristen als Verruchtheit der Amerikaner um die Ohren haute. Natürlich hatte der Amtsrichter recht. Aber Jens vermittelte das hingerissene Gefühl moralischer Rechtfertigung.

Wenn es in Deutschland einen unbeirrten wahren, aufrechten Linken gibt, der weiß, was gerecht, wahr und aufklärerisch nötig ist, dann ihn. Er hat ganze Weltliteraturen (und Welten) daraufhin durchgesehen, durchgearbeitet und emphatisch und mit Schwung und Lust und Laune vermittelt, was den Schwachen und Unterlegenen, den Beherrschten und den Kämpfenden, den Außenseitern und Träumern, also jenen, so Jens, „jesuanischen“ Figuren gebührt, deren Reich immer erst noch kommen müssen soll. Was glühende Bekenntnisse des Antikapitalisten Jens zur superkapitalistischen Pharmaindustrie nicht ausschloss („Wer gegen Medizinfortschritt ist, bekommt es mit mir zu tun!“), deren avancierte Mittel ihm hoffentlich jetzt die beginnende und von seinem Sohn öffentlich gemachte Altersdämmerkrankheit (Vaters Vergessen), die ihm „meine Sprache sterben“ lässt, erträglicher machen und die ihm gegen lebenslanges Asthma und häufige depressive Schübe hinweghelfen, über die er genauso offen und öffentlich redete wie über die verdammte Pflicht der deutschen Fußballnationalmannschaft, „würdevoll gegen Kamerun zu verlieren“.

Wenn man dann von Jens nach Hause ging, kam einem Tübingen immer gleich viel schöner vor. Man legte noch einmal so gern den Haustürschlüssel unter die Fußmatte, meldete sich liebevoll zum Duschen an, verlegte den Damenbesuch und wollte unbedingt die Welt verbessern. Mehr konnte man von uns Zauberlehrlingen nicht verlangen. An diesem Samstag ist der fünfundachtzigste Geburtstag des Alten vom Berge.

Wir gratulieren ihm aus dankbarem Herzen.

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