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Walter Jens zum Geburtstag : Der Linke als Zauberbergsteiger

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Es ging nie um Kleines

Es war immer ein wenig so, als habe der Lehrstuhlinhaber Jens die Toga übergestreift, wenn er durch Tübingen zur Aula oder auch nur zum „Kupferbau“, dem Vorlesungssälekomplex der Neuphilologen, eilte. Wo er auftauchte, wurde die Lokalität sofort zum Forum. Es ging, was er auch redete, nie um Kleines. Alleweil stand die Angelegenheit der res publica auf dem rhetorischen Spiel, immer ging es um das tua res agitur römischer Marktplatzrede. Es war wie in einem sehr ernsten Kostümfilm, in dem die Massen an den Lippen eines Tribunen hängen, der selbst nicht Macht hat, aber so über Macht redet, dass alle glauben, sie könnten danach die Welt und die Mächtigen wenn nicht schon ein wenig besser machen, so doch besser durchschauen. So war er wohl der Mann der Öffentlichkeit, der die theatralische Lehren Brechts am lupenreinsten aufs Rhetorische zu übertragen vermochte.

Der universitäre Solitär machte aus seiner lehrstuhlbedingten Einzigartigkeit sofort eine allgemeine öffentliche Funktion. Anknüpfend an die im Lehrbetrieb vergessene und längst untergegangene antike und mittelalterliche Disziplin, belebte Jens die Lehre von der Technik und der Ideologie der wissenschaftlichen, politischen und literarischen Rede nicht nur theoretisch. Er wurde zum praktischen, aktuellen Anwender seiner historisch fundierten Lehren und Analysen. So dass er mühelos von Aristoteles zu Helmut Kohl, von Platon zu Reagan, von Lessing zu Willy Brandt springen konnte.

Lehrer, Aufklärer und Wegweiser

So betrachtete er die Stadt Tübingen und den deutschen Erdkreis, die Studenten, die Parteien, die Literaturen, die Regierungen, die Leser, die Hörer, die ganze Universitas als multiple Verkörperungen des einen jungen Mannes, der da unter dem Namen Hans Castorp den Zauberberg zu erklettern hat. Der in diesem Fall nicht im Davos des Thomas Mann, sondern im Tübingen des Walter Jens liegt. Und der Lehrer, Aufklärer und Wegweiser klettert mit, hilft dem jungen Mann über Stock und Stein, ist ihm ein gütig strenger Lehrender, ein Settembrini, ganz in Thomas Manns republikanischer Wolle gefärbt, mit Lessingschen und Rosa-Luxemburgschen und Ciceronischen („De re publica“) Exzerpten in der Rocktasche, der den Adepten aufs Pazifistische, Lichte, Gerechte, Soziale, literarisch und politisch wider die Mächtigen, aufs Antiklerikale, Antireaktionäre Gerichtete, kurz: aufs Gute hinweist. Und dieses Gute liegt naturgemäß streng linker Hand.

Das Gerechte freilich geht nicht ganz ohne Selbst-Gerechtigkeit ab, das Emphatische dabei nicht ohne Kitsch, das links zu Denkende nicht ohne Denkverbote. Alles am rechten Wegrand nämlich, all das, was der böse, reaktionäre, klerikalfaschistische Naphta in Thomas Manns Jahrhundertroman verkörpert, liegt an der Abgrundkante des Zauberbergs. Und diese ward in Tübingen alleweil mit sicherem Schritt umgangen. So sicher, dass man gar nicht mehr spürte, dass der junge Gelehrte Jens damals im NS-Studentenbund durchaus auch sich vom völkisch Blutsmäßigen aus dem Abgrund herauf hat anhauchen lassen. Es galt später, in Tübingen, dann zwar das Motto, das Settembrini für Hans Castorp erwählte: placet experiri. Aber was da zu versuchen erlaubt wurde, stand nie in den Sternen, sondern fest. Auch wenn man linker Hand schon auch mal verdutzt Friedrich Nietzsches hohnlachendes Gespensterantlitz wahrnehmen durfte.

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