https://www.faz.net/-gqz-11yld

Walter Jens : Wenn der Mensch schweigt, sprechen die Dinge

Tilman Jens bei seiner Lesung in Tübingen Bild: dpa

Das Buch von Tilman Jens über die Demenz seines Vaters Walter ist heftig umstritten. Jetzt hat sich der Sohn in Tübingen seinen Kritikern gestellt. Hubert Spiegel hat die Lesung miterlebt und mit Menschen aus dem Umfeld von Walter Jens gesprochen.

          6 Min.

          „Nein“, sagt Inge Jens, „das hat es wohl tatsächlich noch nie zuvor gegeben. Dass so viele so alte Menschen, dass so viele Achtzigjährige wie heute am öffentlichen Leben ihres Landes teilnehmen und es mitbestimmen, ist vermutlich einzigartig.“ Aber wie ist dieses Phänomen jenseits des Biologischen zu erklären? Warum schaut eine Gesellschaft, die sich selbst dem Jugendwahn verfallen glaubt, gebannt auf ihre unermüdlichen Greise?

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          „Es hat vor allem mit moralischer Integrität zu tun“, sagt der Theologe Hans Küng, 81, der nur ein paar Schritte entfernt wohnt, „ohne Integrität und Ehrlichkeit wäre das nicht denkbar.“ Marcel Reich-Ranicki, 88 Jahre alt und dem Tübinger Ehepaar seit mehr als einem halben Jahrhundert verbunden, verweist auf die „relative Schwäche der nächsten Generation, darin liegt wohl der Hauptgrund für die enorme Rolle der Achtzigjährigen heute“. Inge Jens denkt noch einen Moment nach, dann sagt sie: „Die Alten haben ja gar nichts mehr auszustehen. Es findet nicht einmal mehr ein Generationenkonflikt statt. Vielleicht sucht unsere Gesellschaft einfach nur etwas, vor dem sie Respekt haben kann.“

          Anonymität war nicht denkbar

          Bis vor wenigen Jahren gehörte Walter Jens zur Speerspitze seiner Generation. Zwischen den Politikern Schmidt und von Weizsäcker, den Schriftstellern Grass, Walser, Enzensberger, den Kritikern Reich-Ranicki und Kaiser war er der Rhetor. Zugleich war er von allem etwas: Schriftsteller, Kritiker und republikanischer Homo politicus, der mit Böll demonstrierte, desertierte amerikanische Soldaten versteckte und in Hunderten, wenn nicht Tausenden von Kommentaren vor Rundfunkmikrofonen und Fernsehkameras dem Land sagte, was es zu denken hatte. Jens war eine öffentliche Person. Der Schutz der Anonymität war nicht gewünscht und im kleinen Tübingen auch nicht denkbar. Wenn Walter Jens Schnupfen hatte, wusste es die halbe Stadt.

          Jetzt ist Walter Jens dement, und das ganze Land weiß es. Inge Jens hat Interviews gegeben, in denen sie den Zustand ihres Mannes beschreibt, der älteste Sohn Tilman, 54 Jahre alt, hat ein Buch „Demenz. Abschied von meinem Vater“ geschrieben, das beileibe nicht nur die Kritik spaltet (Über Walter Jens: Es muss ja nicht gerade heute passieren). Hans Küng rutscht unruhig auf seinem Sessel hin und her, bleibt aber bei seinem Vorsatz: Nein, er werde sich zu dem Buch mit keinem Wort äußern. Marcel Reich-Ranicki hatte schon nach den in der „Bild“-Zeitung vorabgedruckten Auszügen genug: „Was Tilman Jens getan hat, ist taktlos, geschmacklos und völlig überflüssig.“ Gert Ueding, Schüler von Jens und dessen Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik, hat mit dem Buch den Sohn rezensiert und Tilman Jens literarischen Vatermord in der Tradition von Schillers Franz Moor vorgeworfen.

          Generationenkonflikt im eigenen Haus

          Den Generationenkonflikt, den Inge Jens vermisst, sehen viele Beobachter in ihrem eigenen Haus toben: Da rächt sich einer, der sein Leben lang im Schatten des Vaters gestanden hat, gibt das wehrlos gewordene Familienoberhaupt dem Gespött preis und zeigt den Vater, wie dieser nie sein und nie gesehen werden wollte: geistig verwirrt, hilflos, der Sprache beraubt.

          „Ein bissel Angst“, sagt Tilman Jens am Montag im Gespräch in Frankfurt, habe er schon vor der Buchpremiere in Tübingen. Die Angriffe gegen ihn auf der Leserbriefseite des „Schwäbischen Tagblatts“ waren massiv, es gab Aufrufe nicht zur zum Boykott der Lesung, sondern auch des Veranstalters, der ehrwürdigen Osianderschen Buchhandlung, gegründet 1596.

          Weitere Themen

          Tortenkunst mal anders Video-Seite öffnen

          „The Bakeking“ : Tortenkunst mal anders

          Eine Schimpansentorte in Lebensgröße - das ist die neue Kreation von Ben Cullen, der als „The Bakeking“ mit seinen Backkreationen begeistert. Auf der „Cake International“ trifft er die besten Tortenkünstler der Welt.

          Topmeldungen

          Abwärtstrend der Union : Die verlorene Heimat

          Für viele in der Union war Schwarz-Grün mal eine moderne Idee. Jetzt wächst die Angst, dass die Grünen übermächtig werden – und sie selbst als Juniorpartner enden.
          Unser Sprinter-Autor: Oliver Georgi

          F.A.Z.-Sprinter : Wer kann SPD-Vorsitz?

          Während es bei der SPD zum nächsten Duell um den Vorsitz kommt, läuft es bei den Grünen prächtig. Es steht sogar die Frage nach der Kanzlerkandidatur im Raum. Was sonst noch wichtig wird, der F.A.Z.-Sprinter.
          Ein gepanzerter Polizeiwagen versucht in der Nacht eine Barrikade zu durchbrechen und wird von den Protestlern an der Polytechnischen Universität in Brand gesteckt.

          Krise in Hongkong : Unter Belagerung

          Hunderte Hongkonger Aktivisten harren auf dem Campus der Polytechnischen Universität aus. Die Polizei hat das Gelände umstellt – und droht mit dem Einsatz scharfer Munition.

          DFB-Team vor EM 2020 : Der Zauber lässt sich nicht zurückholen

          Vor der EM 2020 sollen bei der DFB-Elf die Kräfte von 2010 reanimiert werden. Die Analogie liegt auf der Hand. Wie damals wurde die Auswahl verjüngt, Hierarchien wurden aufgebrochen. Doch so leicht ist das nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.